Systeme Deutsch / Boehm

Verschiedene Klarinettensysteme - eine Evolution

Vorweg: Wenn im Zusammenhang mit Klarinettensystemen von Deutschland oder "deutsch" die Rede ist, ist eigentlich der deutschsprachige Kulturraum gemeint - und der schließt vor allem auch Österreich ein. Lange Zeit war ja das heutige Deutschland aus Wiener Sicht - zumindest musikalisch - eine langweilige Provinz im Norden, aus der man vielleicht kam (wie Beethoven und Brahms) aber wo man nicht lebte.

Im Laufe der Entwicklungsgeschichte der Klarinette entstanden aus dem ursprünglich einfachen Instrument diverse Typen - unsere heutigen, aber auch viele, die wieder "ausstarben". Die Entwicklung der Klarinette ähnelt einer natürlichen Evolution. Und genauso wie in der Natur spielt sie sich in verschiedenen Gegenden unterschiedlich schnell ab; auf abgelegenen Inseln halten sich Arten, die anderswo schon längst ausgestorben sind; genauso können sich dort aber auch neue Arten entwickeln. Auf dem Balkan werden heute noch Müller- und Albert-Klarinetten gebaut und gespielt, die man bei uns vielleicht nur noch im Museum findet.

Es gab diverse kleine aber auch revolutionäre Verbesserungen, von denen sich manche langsam, manche schnell und manch gar nicht durchsetzten. Erstaunlicherweise akzeptieren die Spieler selbst großartige Verbesserungen nur sehr schleppend. Wir Spieler wollen in der Regel bei dem System bleiben, das wir einmal gelernt haben. Wir haben uns eben auch an die Unzulänglichkeiten des Systems und die Umgehungslösungen (wie die vielen Hilfsgriffe und das "Abdecken") gewöhnt. Die Lehrer geben das an ihre Schüler weiter. Im Orchester sollten Instrumente dann auch möglichst ähnlich sein. Das geht natürlich über Generationen hinweg. Und daher bleiben Griffsysteme so stabil: Auf dem deutschen System greifen wir heute fast noch so wie zu Denners Zeiten, und wir machen "Gabelgriffe", obwohl das Instrument diese ganz anders übersetzt. Das erklärt vielleicht auch, warum alle grundlegenden Systemveränderungen gescheitert sind, mit Ausnahme der Einführung der Boehmklarinette. Und die konnte nur mit Hilfe des Einflusses des Pariser Konservatoriums gelingen und der kulturell beherrschenden Stellung Frankreichs im 19. Jahrhundert.

Die Veränderungen betrafen meist die Technik, also das Klappensystem an sich, und weniger die Griffe.

Heutige Systeme

TODO: BILD einfügen - STAMMBAUM Denner - Müller - Albert - Klosé - Sax - Oehler - Reform-Boehm

Seit der ersten Klarinette von Denner entwickelte sich die Klarinette in Deutschland und Österreich über die Müllerklarinette in kleinen und größeren Schritten weiter. "Müllerklarinette" in diesem Zusammenhang heißt: Das System von Iwan Müller von 1817 mit 13 Klappen, die bereits moderne Polster hatten - nicht verwechseln mit den heutigen Instrumenten aus den gleichnamigen Bremer oder Hamburger Instrumentenbauerwerkstätten. Mit "deutschem System" werden die heutigen Klarinetten mit Gabelgriffen und Rollen für den charakteristischen Gleitflächen für den kleinen Finger bezeichnet, wobei es hier noch verschiedene Varianten gibt. Die letzte größere Entwicklung ist das Oehler-System: Oehler fügte eine Bechermechanik an (Klappe am Becher bzw. der Stürze für einen besseren Klang der langen Töne) und versetzte das Tonloch des rechten Mittelfingers an die Seite des Instruments. In der Regel beruhen die hochwertigen deutsche Instrumente auf diesem System, das seit etwa 1905 nur noch wenig verändert wird. "Oehler" und "Volloehler" sind also Spezialformen des deutschen Systems. Einfachere Klarinetten (Schülerinstrumente) haben in der Regel keine Bechermechanik, sind also keine Volloehler-Systeme.

In Frankreich entstand bei Klosé die Boehm-Klarinette, die dann von Frankreich aus die Müller-Klarinette und ihre Weiterentwicklungen verdrängte. Das ist kein Wunder, denn zu dieser Zeit war Frankreich kulturell in Europa beherrschend. Im deutschen Kulturraum entwickelte sich das deutsche System bis heute weiter und ist das überwiegend gespielte System. Allerdings werden auch im deutschen Kulturraum immer mehr Boehm-Klarinetten gespielt.

Außer der Oehler-Klarinette hat die Müller-Klarinette noch weitere Nachfahren: Die türkische Klarinette, die auf dem Balkan und im ganzen Osten gespielt wird (außer dort, wo länger englische oder französische Kolonien waren, in deren Folge sich das Boehm-System verbreitete) sowie die Albert-Klarinette, die unter Jazzklarinettisten und im Klezmer beliebt ist.

Deutsches System (Oehler) versus Boehm

Grundsätzlich sind beide Systeme annähernd gleich gut. Sie haben aber unterschiedliche Stärken.
Es gibt ziemlich albern wirkende Versuche in Deutschland, alle anderen Klarinettensysteme mit ihrem "französischen Klang" und dem Vibrato zu verteufeln und aus den Orchestern zu verbannen. Tatsächlich sind solche Systemkämpfe völlig normal und es gab sie bei den meisten anderen Instrumenten in deren Geschichte ebenso, meist hat sich der französische Geschmack und das französische Modell (oder die Akademie in Paris) international durchgesetzt (berühmte Ausnahme ist der Kontrabass - da setzte sich das deutsche Modell durch). Die Aggressivität ist vielleicht durch die Tatsache zu erklären, dass es sich um ein Rückzugsgefecht handelt - man sieht sich allein gegen die ganze Welt und auch in Deutschland bröckelt die traditionelle Position.

Unterschiede Deutsch zu Boehm

Am deutlichsten in der Erscheinung sind die unterschiedlichen Klappenkonstruktionen; besonders auffällig beim deutschen System sind die zwei großen Rutsch-Flächen mit den Holz-Rollen dazwischen für die kleinen Finger der rechten und linken Hand. An deren Stelle hat die Boehm-Klarinette nur vier schlichte Heber. Rutschen ist hier unnötig. Insgesamt erscheint mir (auch wenn ich nur schlecht auf Boehm spielen kann) die Mechanik der Boehm-Klarinette für den Spieler ein wenig eleganter zu sein - insgesamt nimmt sich das wohl nicht viel. Rein technisch sind viele Dinge an der Boehm-Klarinette auf jeden Fall praktischer, zum Beispiel gibt es die langen Heber, die an meiner Bassklarinette regelmäßig anbrechen, durch robustere und einfachere Drehklappen ersetzt.

Wesentlich wichtiger als die Unterschiede bei den Klappen sind die akustischen, die zu einem verschiedenen Klang führen: Ein deutsches Oehler-System hat eine engere Bohrung und eine längere Bahn, die wesentlich schwerere Blätter braucht. Damit wird zum Beispiel ein Lippenvibrato schwierig. Der klassische deutsche Klarinettist hat das Vibrato aber "natürlich" auch nicht gelernt.

Der Ton klingt beim Boehm-System etwas heller und schärfer. In Deutschland bevorzugt man einen etwas dunkleren (man kann auch sagen "weniger klaren") Ton, der nicht so viele und hohe Obertöne enthält. Das deutsche System unterstützt das. Darüberhinaus hat der Boehmklarinettist durch die leichten Blätter natürlich immer das größere Risiko des Quietschens. Das sind aber im wesentlichen Mundstück- und Blattfragen, und man kann sehr wohl ein Mundstück mit einer "längeren" Bahn für eine Boehm-Klarinette bekommen. Darüber hinaus baut zum Beispiel Wurlitzer eine Reform-Boehm, ein Instrument mit Boehm-Klappen- und Grifftechnik, aber deutscher Bahn und Bohrung.

Ein erfahrener Komponist kennt und berücksichtigt natürlich die Instrumente und ihre Stärken und Schwächen (oder bekommt spätestens bei der Erstaufführung vom Solisten etwas zu hören). Deshalb gehen sehr viele Stücke, die nicht von deutschen Komponisten stammen, von Boehmklarinetten aus. Andererseits sind die heute noch populärsten Klarinettenkonzerte von Mozart, Weber, Stamitz und Brahms - und die schrieben für die Müller-Klarinette und ihre Nachfolger.

Sieht aus wie Deutsch und ist kein Oehler? Ein drittes System?

In der Dixieland Band spielt ein alter Klarinettist auf etwas, dass eher "Deutsch" aussieht - es hat die typischen Gleitrollen, aber das Klappensystem sieht einfacher aus. Und so könnte man doch nicht Glissando auf einer deutschen Klarinette spielen? Dann ist es ein Albert System, ebenfalls ein Nachfahre des Müller Systems. Es hat sich im Jazz und der orientalischen Musik (Türkisch, Klezmer) gehalten, und wird hierfür auch noch hergestellt.

Was spricht für das Deutsche System?

Im deutschsprachigen Raum ist das deutsche oder Oehler-System verbreiteter als das Boehm-System. Dadurch sind die Klarinettenlehrer in der Regel mit dem Instrument, den Griffen und den dazugehörigen Blättern und Mundstücken vertrauter. Als Anfänger ist man sehr abhängig davon, was man von seinem Klarinettenlehrer lernt, und wenn der Lehrer oder die Lehrerin das zu lernende System nun so überhaupt nicht beherrscht, ist das ein Nachteil. Schon allein dadurch wird sich das deutsche System wohl noch sehr lange halten.

Der eine oder andere Instrumentenbauer wird sich mit dem deutschen System vielleicht auch etwas besser auskennen, aber das ist nicht mehr das große Thema.

Wer Profi-Klarinettist in Deutschland werden will, hat mit dem deutschen System deutlich bessere Chancen, an eine der begehrten Orchesterstellen zu kommen. Die meisten Profi-Orchester sind da sehr konservativ.

Was spricht für das Boehm-System?

Erst einmal der Preis im Verhältnis zur Qualität. Grundsätzlich sind Boehm-Instrumente bei gleicher Qualität etwa knapp halb so teuer (zwischen 30% und 50%), oder eben bei gleichem Preis deutlich besser. Das liegt einfach an der viel größeren Stückzahl, die die Hersteller produzieren. Bestimmte Dinge wie die Riss-sicheren Green Line Instrumente von Buffet gibt es zum Beispiel überhaupt nur als Boehm-Instrument. Auch spezielles Zubehör wie Gigbags ist natürlich wesentlich billiger - wieder bei gleicher Qualität. Vor allem, wenn man dann auch die großen Instrumente wie Alt- oder Bass-Klarinette einmal spielen will, wird der Unterschied im Preis dramatisch.

Daneben - und das gilt vor allem für diejenigen, die sich für Jazz oder moderne Klänge interessieren - ist aufgrund der anderen Bahn, des anderen Mundstücks und der anderen Blätter eine deutlich größere Klangvielfalt und außerdem Lippenvibrato möglich (das geht auf deutschen Instrumenten nur extrem schwer).

Kann man - und sollte man - umlernen?

Natürlich kann man umlernen. Frage ist: Warum sollte man? Die Vorteile beider Richtungen sind bekannt. Das Umlernen dauert Zeit. Für die reinen Griffe geht es recht schnell, der Ansatz (anderes Mundstück und Blätter) kann länger dauern. Bei regelmäßigem (täglichen) Üben sollte man spätestens nach ein paar Wochen das neue System voll beherrschen. Das ist zumindest die Erfahrung von etwa zehn Amateuren, die ich kenne und die von deutsch nach Boehm gewechselt sind (und zum Teil beide Systeme parallel spielen: B-Klarinette deutsch, Bass, Es oder Alt auf Boehm. Es gibt aber auch Leser, die berichten davon, dass sie noch nach zwei Jahren Schwierigkeiten damit haben. Auf jeden Fall gilt: Wer den Umstieg spät macht, muss Stücke, die "in Fleisch und Blut übergegangen sind", neu üben.

... man muss aber nicht (Reformboehm)

Viele Menschen, die auf einem Boehm-System gelernt haben, aber im Orchester zwischen Spielern mit deutschem System sitzen, möchten einen deutscheren Klang, ohne die Griffweise umzulernen. Hierfür haben deutsche Instrumentenbauer die Reformboehm entwickelt: Deutsche Bohrung, deutsches Mundstück, deutsches Blatt, aber Boehm-Mechanik.

Wem es nur um den deutschen Klang geht (und man kommt vom Boehm-System), der kann also eine Reform-Boehm kaufen. Das hat aber seinen Preis, denn durch die geringen Stückzahlen ist eine Reformboehm leider noch deutlich teurer als das klassische deutsche System.

Wird das deutsche System irgendwann verschwinden?

Wie oben bereits gesagt: Die Systeme sind gleichwertig. Aber bei zwei qualitativ vergleichbaren Instrumenten ist das Boehm System deutlich (zwischen 30% und 50%) günstiger. Sicher gibt es für spezielle Profi-Instrumente deutsche Werkstätten, an die qualitativ und vom Innovationspotenzial niemand sonst auf der Welt heranreicht, aber das ist für die Mehrheit von uns ja eher uninteressant.

Das deutsche System konnte sich auch deshalb 170 Jahre in Deutschland und Österreich behaupten, weil die Musikmärkte und die Instrumentenmärkte national recht abgeschottet waren. Die Globalisierung hat dem ein Ende gesetzt - per Amazon kann ich jetzt auch eine französische CD kaufen, bei iTunes einen Japaner hören und im Regal des Musikinstrumentenhändlers stehen Yamaha und Buffet mittlerweile ebenso selbstverständlich wie Kreul, Hammerschmidt und Wurlitzer. Das erhöht den Druck auf das deutsche System erheblich. Und wegen der geringeren Stückzahlen und damit verbundenen höheren Herstellungskosten pro Instrument können die Hersteller die Preise nicht einfach beliebig senken, ohne in Probleme zu geraten.

Wer in Deutschland als Profi etwas werden will, wird weiter deutsch spielen. Aber da der Klang der modernen Boehm-Instrumente eher am Spieler liegt, und die ganze Bandbreite auch bei uns angeboten wird, fangen vor allem die Amateure an, umzudenken. In meinem Blasorchester gab es vor 15 Jahren nur eine einzige Boehm-Klarinette, heute sind es sechs (von 20). Der Autor kann sich vorstellen, dass dies auf sehr lange Sicht das Aus für das Deutsche System bedeuten kann und nur im Profibereich die Top-Instrumentenbauer noch lange das Oehlersystem bauen werden.




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