Klarinette: Geschichte

Holzblasinstrumente gibt es über 35.000 Jahre...

Die meisten Instrumente, die wir heute kennen, sind Weiterentwicklungen schon sehr alter Instrumente. Das gilt auch für die meisten Holzblasinstrumente.

Flöten aus Knochen sind schon in der Steinzeit benutzt worden. Die älteste heute bekannte Flöte (Stand: 2005) stammt aus Baden-Württemberg und ist ca. 35.000 Jahre alt. Sie wurde aus einem Schwanenknochen hergestellt - zu einer Zeit, als Bohrer noch völlig unbekannt waren. Sie ist recht sauber (!) pentatonisch gestimmt. Das ist wahrscheinlich kein Zufall und spricht dafür, dass es schon vor 35.000 Jahren ein klares Tonsystem gab, Pentatonik ist ja auch heute noch ein in der ganzen Welt verbreitetes System (z.B. in der chinesischen Musik). Ein Tonsystem braucht man aber eigentlich nur, wenn mehrere Musiker zusammen spielen müssen - gab es also schon in der Steinzeit in Baden-Württemberg Holzblasensembles? Vermutlich müssen wir uns an diesen Gedanken gewöhnen. Gemeinsam Musik zu machen scheint weniger ein exklusives Hobby der Neuzeit zu sein als vielmehr zum Menschsein dazuzugehören.

Bild: Etruskisches Aulos, eine doppel-Oboe
Aulos (Doppeloboe)

Man nimmt heute an, dass sich die Vorfahren unserer modernen Holzblasinstrumente in Kleinasien oder noch weiter östlich (Babylonien, Indien, Persien) entwickelt haben, und dann über die heutige Türkei nach Europa gekommen sind. Doppelrohrinstrumente wie der Aulos auf dem etruskischen Bild wurden beispielsweise schon vor 4.000 Jahren im alten Ägypten und später in Griechenland gespielt, man sieht sie auf Wand­malereien in Grabkammern und auf Weinkrügen. Diese Instrumente entwickelten sich schrittweise weiter - vermutlich über Typen, die dem in türkischen Tanzmusikgruppen heute noch benutzte Instrument ähneln, dann zur europäischen Schalmei bis hin zur heutigen Oboe und zum Fagott.

Diese alten Instrumente werden nicht oder kaum mehr eingesetzt, aber sie sind eindeutig die Vorläufer der heutigen - und Stücke, die für diese Instrumenten komponiert wurden, natürlich auch echte Volksmusik, wird heute mit den modernen Nachfolgern aufgeführt. Tonumfang, Dynamik, Beweglichkeit und Stimmung wurden vielleicht schrittweise erweitert und verbessert, aber im wesentlichen handelt es sich noch um das gleiche Instrument.

... aber die Klarinette hat keine wirklichen Vorfahren

Die Klarinette aber bildet eine Ausnahme: Sie entstand nicht über eine schrittweise Weiter­entwicklung eines bereits bestehenden Instruments, sondern wurde praktisch um 1700 "erfunden".

Das Chalumeau

Es gab zwar schon sehr lange Instrumente mit einfachem Rohrblatt und zylindrischem Rohr, die als Hirteninstrument bekannt waren: Das Zummarah und das Arghul. Bei ihnen war das Blatt aus dem Rohr selbst herausgearbeitet. Wenn man nach einem Vorfahren der Klarinette sucht, kommt noch am ehesten das in Europa verbreitete Chalumeau (sprich: Schalümoh) in Frage. Der Name kommt aus dem Griechischen/Lateinischen von Calumus = Rohr. Das Chalumeau wurde im Deutschen auch Schalmei genannt. Es war ein Hirteninstrument und wurde fast immer solo (allein ohne Begleitung) gespielt: ("Es tönen die Lieder, der Frühling kehrt wieder, es spielet der Hirte auf seiner Schalmei..."). Schalmei wurde allerdings auch ein Instrument genannt, das in die Familie der Oboen gehört, und daneben noch ein mehrrohriges Metallinstrument mit gleichem Namen.

Es gibt Bilder von diesem Instrument und Beschreibungen, und viele Museen stellen als Chalumeau benannte Instrumente aus bzw. listen sie in ihren Registern. Sie haben in etwa so wie eine Blockflöte ausgesehen und müssen so ähnlich wie die untere Oktave der heutigen Klarinette geklungen haben. Man weiss, dass man damit nur um die neun Töne (das untere Register der heutigen Klarinette) spielen konnte. Darüber hinaus stimmten sie meist nicht besonders gut. Deshalb waren sie für die meisten Komponisten und ernsthaften Musiker uninteressant (für einen einsamen Hirten, der ja nicht mit anderen zusammen spielt, fällt das aber nicht so ins Gewicht). Chalumeaus wurde nur selten eingesetzt, wenn man eine Hirtenszene darstellen wollte.

Heue stellen einige Instrumentenbauer Instrumente her, die sie Clarineau oder Chalumeau nennen. und die dem historischen Instrument sehr nahe kommen dürften, wie zum Beispiel die Firmen Moeck oder Kunath. Ein modernes Chalumeau zeigt auch dieses Video auf Youtube. Es bleibt abzuwarten, ob das eine Modeerscheinung bleibt oder es hier eine Renaissance gibt.

Warum gibt es keine Vorfahren der Klarinette?

Das Problem bei der Entwicklung der Klarinetten-ähnlichen Instrumente wie dem Chalumeau wird deutlich, wenn man sich klarmacht, was passiert, wenn man eine Tonleiter auf einem Instrument wie der Blockflöte spielt: Es gibt acht oder neun Tonlöcher für die untere Oktave (man hat ja 10 Finger), und dann ein Oktavloch bzw. Überblasloch. Bei allen anderen Blasinstrumenten (eben ausser der Klarinette) führt das "Überblasen", also das Öffnen eines Oktavlochs dann dazu, dass die Töne, die man dann greift, genau eine Oktave höher klingen.

Das lernt man schnell, und es hat für den Instrumentenbauer Vorteile: Die Löcher und ihre Abstände für die obere Oktave sind genau die gleichen wie für die untere Oktave. Bei der Klarinette ist das aber anders: Überbläst man die Klarinette (bzw. drückt die Überblasklappe) erklingt sie eine Oktave plus eine Quinte höher, also 8 + 5 = 12 Töne, eine sogenannte Duodezime. Das muss ein Spieler erst lernen. Es hat aber auch vertrackte Rückwirkungen auf den Aufbau des Instruments: Lochabstände und Lochdurchmesser für das untere Register müssten andere sein als für die oberen. Das erfordert immer Kompromisse und geht nicht so einfach, vor allem, wenn man den Hintergrund nicht versteht. Den haben die Instrumentenbauer vor 1700 nicht beherrscht. Später, als die Zusammenhänge klar waren, konnte man das hinbekommen.

Erfindung der Klarinette

Johann Christoph Denner hatte es nun nach langem Experimentieren mit dem Chalumeau geschafft, ein Instrument zu bauen, mit dem man nicht nur die Naturtöne (also das untere Register, dass heute bei der Klarinette folgerichtig auch Chalumeau-Register heißt) spielen konnte, sondern eben auch halbwegs sauber die oberen Töne, indem man es überblies. Darüber hinaus musste er für die Töne, die direkt unter dem Duodezim-Sprung liegen, zwei zusätzliche Löcher (eins mit Klappe) hinzufügen. Die Probleme bei der Stimmung musste man mit dem Ansatz ausgleichen.

Damit war der Geburtstag der Klarinette um das Jahr 1700, sie ist also etwas mehr als 300 Jahre alt.

In letzter Zeit wird diskutiert, ob es eventuell (auch) andere Erfinder der Klarinette gab. Dafür gibt es aber bisher keine gesicherten Anhaltspunkte. Es wird also weiterhin angenommen, dass es Denner war (vielleicht dann auch sein Sohn Jacob Denner), der das Instrument erfand; nur über ihn existiert ein kurz nach der Erfindung erscheinender namentlicher Hinweis. Daneben waren die Denners die wesentliche Holzblasinstrumentenbauer dieser Zeit in Nürnberg:

Holzschnitt: Darstellung der Klarinette um 1740
Holzschnitt: Darstellung der Klarinette um 1740

Diese Beschreibung erschien um 1750. Wirklich nicht schlecht - alles Wesentliche ist drauf! Mit dieser Klarinette dürfte man schon so ziemlich alles spielen können - es fehlt nur das tiefe E. Die Gabelgriffe dürften auch auf einer heutigen Klarinette funktionieren. Anders als heute: Erst ab dem "a" verwendete man den Violinschlüssel.

Auch wenn diese ersten Klarinetten noch sehr einfach waren und nur zwei oder drei einfache Klappen hatten, sie hatten den größeren Tonumfang der Klarinette, größer als jede Oboe oder Trompete. Daneben konnte man wohl schon verhältnismäßig laut darauf spielen, und technisch komplizierte Läufe ausführen. Man ersetzte mit dem neuen Instrument zuerst die hohen Trompeten, die sogenannten "Clarini". Daher dürfte sich auch der Name "Clarinett" ableiten.

Die Klarinette schließt die Lücke im Bläsersatz

Das Instrument war eine Sensation und verbreitete sich ungeheuer schnell, denn es schloss eine Lücke im Holzbläsersatz (zwischen Oboe und Fagott). Es hat als Soloinstrument einen wesentlich angenehmeren und vielseitigeren Klang als die bis dahin führende Oboe (das ist natürlich eine Geschmacksfrage, aber es scheint beim breiten Publikum so angekommen zu sein). Deshalb eignet sich die Klarinette auch so gut für längere Solostellen. Vivaldi schrieb bereits 1740 drei Concerti grossi, und Händel komponierte 1748 eine Ouvertüre, wo er Klarinetten in d einsetzte.

Im Orchester in Mannheim gab es um 1760 bereits dauernd zwei Klarinettenstimmen, wobei diese Musiker gleichzeitig noch Oboisten waren. Ab 1778 waren es "volle" Klarinettisten. Kurz danach schrieb Mozart bereits seine ungeheuer anspruchsvollen Klarinettenwerke, unter anderem das berühmte Konzert in A für Bassettklarinette. Zu der Zeit hatten Klarinetten maximal fünf Klappen, kaum vorstellbar, dass man solche Stücke damit spielen konnte, aber es muss gegangen sein; denn die Kritiker waren begeistert.

Die Weiterentwicklung der Instrumente nach Denner

Die Weiterentwicklung der Klarinette nach Denner gleicht einer Evolutionsgeschichte - und ergibt einen Stammbaum, vergleichbar mit dem der biologischen Eveolution von Lebewesen oder technischen Entwicklungen, mit Aufspaltungen, Querwirkungen und Sackgassen. Unter dem Aspekt der verschiedenen Systeme, vor allem dem deutschen System und dem Boehmsystem, gibt es ein eigenes Kapitel dazu.

Bild: Stammbaum Klarinetten
Stammbaum Klarinetten - stark vereinfacht

Iwan Müllers Klappen

Iwan Müller war ein deutscher (im heutigen Russland geborener, deshalb auch oft als Russe bezeichneter) Klarinettenvirtuose und Instrumentenbauer, der die Klappenmechanik revolutionierte. Während die alten Klappen eine einfache Kipp-Mechanik und ein Filzpolster hatten, so dass sie nie wirklich perfekt schlossen, entwickelte er die Löffel-Klappe mit Lederpolster und die versenkten Löcher mit erhabenem, konischen Ring, dem Zwirl, wie sie heute üblich sind. Insgesamt hatte Müllers Klarinette 12 Klappen.

alte Filzklappe
Holzschnitt: alte Filzklappe
Löffelklappe, versenktes Tonloch
Löffelklappe, versenktes Tonloch

Daneben veränderte Müller das Blatt bis nahe in seine heutige Form und entwickelte die Blatt­schraube. Leider akzeptierte das Pariser Konservatorium seine Entwicklungen im Jahr 1812 nicht, weil man dort glaubte, dass eine chromatische Klarinette, also eine, die jede Tonart spielen kann, den spezifischen Charakter der unterschiedlichen Klarinetten zerstören würde (was ja stimmt - heute klingen A und B-Klarinetten fast gleich). Man war überzeugt - und viele Menschen sind es ja noch heute - dass auch einzelne Tonarten einen bestimmten Charakter haben, und dieser erhalten bleiben müsse.

Klosés Instrument (Boehm) setzt sich in Frankreich durch (und dann in der Welt)

Kurz danach brachte der deutsche Flötenbauer Theobald Boehm zwei Verbesserungen in den Instrumentenbau: Zum einen schaffte er eine mathematische Grundlage zur perfekten Berechnung der Position für Tonlöcher, und zum anderen erfand er die Ringklappe. Die Ringklappe ermöglicht es, ein Loch zu schließen, das größer ist als der Finger, wobei der Finger genau auf der Ringklappe liegt.

Auf dieser Basis hatte der Franzose Hyacinthe Klosé das "Boehm"-Klarinettenmodell entwickelt, das sein Instrumentenbauer Buffet 1839 baute. Klosé hatte es geschickter angestellt als Iwan Müller, sein Instrument wurde von der Pariser Akademie akzeptiert und wird heute in der ganzen Welt (mit Ausnahme Deutschlands und Oesterreichs) gespielt.

Deutschland verfolgt einen eigenen Weg

In Deutschland wurde das Boehm-System nicht übernommen, sondern das Müller-System verbessert. Eine Gegenüberstellung der beiden modernen Systeme (und weiterer) findet sich hier.

1860 wurde die Müller-Klarinette von C. Baermann (von dem auch die bekannte Klarinettenschule stammt) überarbeitet. Einen großen Anteil an der Entwicklung des deutschen Systems hat auch der berühmte Adolphe Sax, der belgische Erfinder des Saxophons. Er entwickelte übrigens auch die moderne Bassklarinette, also das Instrument in seiner heute üblichen S-Form.

Das heute in Deutschland - unter Profis wie ernsthaften Amateuren - verbreitetste Klarinettenystem ist eine deutsche Klarinette mit Oehler-System, das auf Oskar Oehler zurückgeht, einen Berliner Instrumentenbauer um 1900. Charakter­istisch am Voll-Oehler-System ist die Resonanzklappe am Trichter. Diese Form der Klarinette hat 22 Klappen und 5 Ringe.

Beide Systeme, Boehm und Deutsch, sind heute im wesentlich gleichwertig, wenn auch im Klang und der Spieltechnik unterschiedlich. Dadurch entstehen Probleme für Komponisten und Spieler, wenn sie Stücke für das jeweils andere System schreiben oder spielen müssen.

Grundsätzlich kann man sagen, dass gute Komponisten sich mit den Stärken und Schwächen aller Instrumente auseinandersetzen; für die sie komponieren, und das hört nicht mit dem Tonumfang auf. Wenn man aber dummerweise gerade das andere System spielt, kann es manchmal grifftechnische Probleme auf einem System geben, die dann mit dem ursprünglich vorgesehenen vielleicht ganz leicht gehen. Noch gravierender ist neben dem Unterschied im Klang das vom nicht-deutschen Komponisten als selbstverständlich angenommene Vibrato, das wir deutschsprachigen Klarinettisten nur selten lernen und beherrschen (siehe hierzu das Kapitel Klang). Ohne Vibrato klingen aber Kompositionen, die das erwarten, sehr merkwürdig - meist etwas langweilig.

Deutsches System auf dem Rückzug: Der Preis...

Das Deutsche System hat heute vor allem einen gravierenden, objektiven Nachteil gegenüber Boehminstrumenten: Bei qualitativ vergleichbaren Instrumenten ist eines mit Boehm System oft deutlich (zwischen 30% und 50%) preisgünstiger als eines mit Oehler-System. Das liegt vor allem an dem größeren Markt mit den viel höheren Stückzahlen für die Hersteller. Sicher gibt es auf der Profi-Instrumenten-Seite deutsche Manufakturen, an deren Innovationsfähigkeit und Qualität sonst niemand heranreicht, aber das ist für die Mehrheit von uns leider eher uninteressant; denn wer kann schon diese Preisunterschiede ignorieren?

Da der Klang der modernen Instrumente (ob Boehm oder Oehler) sich immer mehr angleicht, eher am Spieler als am System seines Instruments liegt und die ganze Angebotspalette der Instrumentenbauer überall auf der Welt angeboten wird, fangen vor allem die deutschen Amateure an, umzudenken. Sie kaufen immer öfter Boehminstrumente. Der Autor kann sich vorstellen, dass es der Preisunterscheid ist, der auf sehr lange Sicht das Aus für das Deutsche System bedeuten kann. Nur im klassischen Profibereich - hier muss man in der Regel das System der anderen Klarinettisten im Ensemble verwenden, und das ist fast durchgängig deutsch - werden sich die deutschen Systeme der Top-Instrumentenbauer noch sehr lange halten können.




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