Muss ein Klarinettist Blätter bearbeiten können?
Früher hätte man schon diese Frage als Lästerung verurteilt. Grundsätzlich galt: Ein deutscher Klarinettist baut sich seine Blätter selbst. Dafür waren die Deutschen in der Tat bekannt, Brymer schreibt das noch in seinem Buch.
Heute ist allerdings die Qualität der Blätter auch schon zu vernünftigen Preisen so gut und vor allem so einheitlich, dass zum Beispiel der Autor für seine Bassklarinette einfach in den Laden geht und eine Zehnerpackung Vandoren Klassik Altsaxblätter kauft, die passen genau auf das Mundstück meiner deutschen Bassklarinette - (bei Boehm passen dann Tenorblätter!). Von denen sind im Schnitt sieben bis acht gut brauchbar. Für stundenlanges Arbeiten an Blättern habe ich einfach nicht die Zeit und die Geduld. Allerdings bin ich auch froh, wenn ich ein Blatt ohne viel Stress ein bisschen schwerer oder leichter machen kann - und das sollte wirklich jeder können, das ist keine Geheimwissenschaft!
Inhalt
Kleine Schritte!
Werkzeug für Blätterbeaerbeitung
Unterseite glätten
Blatt insgesamt leichter machen
Nur die tiefe Lage leichter machen
Blatt schwerer machen
Probleme mit Bindungen
Quietschen
Ton zu "hell"
Eine Seite zu leicht
Links auf andere Kapitel
Allgemeines Kapitel zum Klarinettenblatt
Grundsatz: Immer nur kleine Schritte!
Grundsätzlich immer vorsichtig arbeiten! Lieber ein paar mal mehr probieren, als zu radikal schleifen, denn rückgängig lässt sich nichts machen! In diesem Zusammenhang lohnt sich vielleicht eine Blattschraube, weil man damit ein Blatt schneller auf dem Mundstück befestigt als beim Binden (auch wenn man aus ideologischen oder anderen Gründen "bindet"). Mit der Erfahrung weiß man schon, ob und wo man schleifen muss, am Anfang geht einiges daneben - es empfiehlt sich, das Ausprobieren mit älteren Blättern anzufangen, und nie mit dem besten Blatt, das man gerade hat...
Manchmal stellt man aber fest, dass sich aus einem Blatt trotz Mühe einfach nichts machen lässt oder man hat es totgeschliffen. Dann kann man es guten Gewissens wegwerfen - man wird auch später nichts mehr daraus herausholen. Es reicht, wenn man ein oder zwei alte, unbrauchbarer Blätter aufbewahrt, um zum Beispiel Mundstückbahnen zu schützen. Sonst verliert man schnell die Übersicht über brauchbare, benutzte und noch nicht getestete Blätter.
Werkzeug für Blätterbearbeitung
- Schachtelhalm (erhältlich im Musikfachgeschäft oder in der Apotheke - siehe Bild),
- sehr feines Sandpapier - praktisch ist es, das auf Holzspatel aufzukleben, wie man sie in der Apotheke bekommt; das gibt es auch - etwas kleiner - als fertige Nagelfeilen in der Kosmetikabteilung von Drogerien (und manchmal im Badezimmer von besseren Hotels)
- Glas- oder Plexiglasblock, ca 20 * 4 cm, etwa 10mm stark,
auf dem man die Blätter schleifen kann:
Glasblöcke sind zum einen völlig eben/flach und durchsichtig - so kann man im Gegenlicht die Stärke eines Blattes auch an der Spitze sehr gut erkennen; ausserdem lässt sich das Blatt so vernünftig halten und bearbeiten (siehe Bild unten mit Schachtelhalm) - ein völlig flacher Schleifstein (Werkzeugschleifstein)
- ein Blattabschneider (Instrumentenhandel - siehe Bild unten)
- eine Lichtquelle, gegen die das Blatt gehalten werden kann, um die Bearbeitung zu kontrollieren
- 500 ml Joghurtglas mit Wasser zum Schleifen und Anfeuchten (sonst muss man immer ins Bad oder in die Küche)
Die Regionen des Blattes
-
- Blatt: Regionen
Den gesamten abgehobelten Bereich nennt man Ausstich.
Die Farben zeigen in etwa Bereiche gleicher Stärke (wie bei Höhenlinien).
Die Blattspitze (weiß) ist die dünnste und sensibelste Region,
sie ist für hohe Schwingungen und die Ansprache des Blattes verantwortlich.
Den schwarz umrandeten Bereich nennt man Blattherz.
Im Blattherz wird generell nicht geschliffen,
außer wenn man den gesamten Blattaufbau verändern will.
Die Seiten oder Flanken neben dem Herz sind wichtig für die Balance.
Den Bereich unterhalb des Herzens nennt man Schulter,
hier ist das Blatt sehr dick und schwingt praktisch nicht.
Den unbearbeiteten Bereich nennt man Schaft oder Rücken.
Die Sägefläche am unteren Ende nennt man Sohle-Schnitt.
Unterseite glätten
Erste Maßnahme, vor allem bei neuen Blättern, ist die Prüfung ob die Unterseite völlig glatt ist. Eine unebene Unterseite ist in vielen Fällen der Grund für Probleme. Außerdem kann man da nicht viel falsch machen, weil die Unterseite einfach nur völlig eben sein muss; während die Oberseite eine komplizierte Form hat. Um die Unterseite des Blattes zu glätten, verwendet man einen absolut glatten Schleifstein, wie man ihn in Eisenwarenläden, manchmal auch in Baumärkten, bekommt.
Blätter werden grundsätzlich feucht bearbeitet. Man legt das Blatt mit der glatten Seite nach unten auf den Stein oder das superfeine Schleifpapier, fasst mit Zeigefinger, Mittelfinger und Ringfinger von oben darauf (auf dem Blattrücken, und nicht zu weit vorne) und schiebt es (zwei oder drei Mal) ohne viel Druck nach hinten weg. Das heißt: Es bewegt sich mit dem Sohle-Schnitt voran und nicht in Richtung Spitze. Nie ein Blatt vorwärts, also mit der Spitze voran, unter Druck über Schleifpapier oder Stein schieben - das könnte die empfindliche Spitze zerstören!
Das Ganze ist nicht so einfach, wie es aussieht... man kriegt das Blatt nämlich nicht so gut zu fassen, und man darf nicht auf einer Seite stärker drücken als auf der anderen.
Blatt insgesamt leichter machen:
-
- Mit Schachtelhalm...
Einfachste Methode - wenn es nur etwas leichter sein soll: Das Blatt umgekehrt (Ausstich nach unten, glatte Seite nach oben, Blatt ganz waagerecht halten) in spitzem Winkel unter leichtem Druck ein oder zweimal über den Schleifstein oder feines, flach liegendes feines Schleifpapier ziehen.
Wirkt stärker: mit feinen Schleifpapier oder Schachtelhalm auf der Oberseite an der Spitze im vorderen Randbereich etwas dünner schleifen (sehr vorsichtig!) - so wie auf dem Bild zu sehen. Dabei mit dem Schachtelhalm immer nur von hinten nach vorn, also zur Spitze hin schleifen, damit die Fasern nicht aufgerissen werden. Dazu kann man die Flanken vorsichtig etwas abschleifen; das ist im Bild oben der grüne Bereich (aber immer außerhalb des Blattherzens). Das wichtigste Wort hierbei ist vorsichtig: Ein Strich zu viel und das Blatt ist hinüber! Dabei muss man aufpassen, dass man die beiden Seiten gleichmäßig behandelt. Am besten prüft man das, indem man das Instrument mit dem Blatt im Mund rechts und links herum dreht, dabei wird die rechte oder linke Seite "abgedrückt" und spricht nicht an, so dass man einen Vergleich hat.
Nur die tiefe Lage leichter machen:
Wie oben beschrieben, nur weiter weg von der Spitze, im blauen und gelben Bereich Holz wegnehmen. Hier ist das Blatt wesentlich stärker, und entsprechend mehr kann weggeschliffen werden, bis sich eine Wirkung zeigt.
Blatt schwerer machen:
-
- Blattschneider
Das Blatt lässt sich zwar leicht spielen, aber es jault etwas und es ist schwierig, die Tonhöhe zu halten, Forte schnarrt, bei Fortissimo drückt man gefühlsmäßig das Blatt gegen das Mundstück "zu". Eigentlich bedeutet "zu leicht" nur, dass das Blatt zu stark schwingt; das kann zum einen daran liegen, dass es im vorderen Teil oder auch insgesamt zu dünn ist; andererseits kann es auch daran liegen, dass der Spalt zwischen Blatt und Mundstück zu dünn ist.
Entsprechend kann man das Blatt etwas (nie mehr als etwa einen zehntel Millimeter) mit dem Blattschneider abschneiden und dann den hinteren Teil entsprechend nacharbeiten - das bedeutet, dass man die komplette Form (jetzt auch das Herz) nacharbeiten muss. Achtung beim Abschneiden mit dem Blattschneider: immer erst das Blatt nach dem Schneiden herausnehmen und dann den Schneidemechanismus zurückschnappen lassen, sonst kann das Blatt zerstört werden (es reißt ein)!
Alternativ kann man das Blatt auf den Schleifstein legen und dann die Unterseite abschleifen, wobei man Druck auf das hintere Ende des Blattes ausübt. Dadurch kommt das Blatt beim Befestigen am Mundstück mit dem Vorderteil höher; der Spalt wird größer und das Blatt schwerer. Das empfiehlt sich vor allem bei alten Blättern. Gegenüber dem Abschneiden hat es den Vorteil, dass man den Ausstich nicht komplett nacharbeiten muss.
Probleme mit Bindungen:
Wenn Bindungen nicht ohne weiteres gehen, kann man an den Flanken über die gesamte Länge des Ausstichs gleichmäßig mit Schachtelhalm oder Feile etwas abschaben.
Quietschen:
Blätter quietschen meist dann, wenn sie in der Spitze zu dünn und hinten um das Herz zu dick sind. Das führt dazu, dass sie nicht mehr stark genug sind, um völlig zurückzuschwingen. Drückt man ein Blatt vorsichtig im Winkel von 45 Grad auf z.B. auf eine Glasplatte, biegt es sich. Ein Blatt, dass noch genügend elastisch ist, biegt sich schnell völlig zurück. Ein Blatt, dass zu alt oder zu dünn ist, bleibt ein bisschen in die Richtung gebogen. Da hilft dann nur noch Abschneiden und das gesamte Blatt so nachzuarbeiten, dass die ursprüngliche Form wieder erreicht wird - oder man wirft das alte Blatt dann weg, lang hilft die Maßnahme ohnehin nicht mehr.
Ton zu "hell":
Erst einmal jemand anderen befragen - der subjektive Höreindruck kann ganz anders sein als das, was bei anderen ankommt (siehe hierzu Kapitel Klang - subjektives Klangerlebnis). Wenn der Ton wirklich zu hell ist:
Wenn bei einem Blatt kurz vor der Spitze am rechten und linken Rand der Bahn zu viel Holz abgeschliffen wird, klingt das Blatt heller. Will man einen "dunklen" Ton, sollte man vermeiden, hier zu viel zu schleifen. Bei diesem Blatt bleibt nur, die Spitze zu kürzen und die komplette Bahn nachzuarbeiten (die Bahn verlängern und den Rand vergleichsweise stärken).
Eine Seite ist zu leicht:
Wenn man das Instrument im Mund dreht, drückt man das Blatt damit auf einer Seite gegen das Mundstück und damit kann nur noch die andere Seite schwingen. Stellt man hier deutliche Unterschiede fest, sollte man ausgleichen. Dazu muss man nicht gleich die Bahn ändern, sondern man kann viel einfacher vorgehen: Das Blatt wird mit der zu leichten Seite auf den Schleifstein gestellt (also hochkant), und ganz vorsichtig, immer von der Spitze weg, etwas abgeschliffen. Dadurch wird das Blatt etwas schmaler (bis einen halben mm ist wegen der Reserve der Mundstückbahn noch OK), aber auf dieser Seite wird es praktisch dicker. Der Effekt ist natürlich unsymmetrisch - also sehr vorsichtig anwenden und dann ausgleichen...