Instrument: Bohrung

Die Bohrung "ist das Instrument" (fast)

Die Bohrung wird vom Klarinettisten meist wenig beachtet, obwohl sie der Teil der Klarinette ist, der klingt - oder viel mehr: Es ist die Luftsäule in der Bohrung, die schwingt, damit Druckwellen in der Umgebungsluft erzeugt und folglich für den Zuhörer klingt. Das Mundstück mit dem Blatt erzeugt "nur" die Schwingung der Luftsäule. Die Luftsäule wird durch die Bohrung, also den Hohlraum im Instrument, begrenzt und gebildet.

Zumindest in der herrschenden Theorie kommt es für den Klang einer Klarinette vor allem auf die Eigenschaften der Bohrung, in erster Linie deren Form und Oberfläche, an - und viel weniger auf das Material der Klarinette, den Korpus, Klappen und Polster an. Deshalb können Klarinetten eigentlich aus jedem beliebigen Material gebaut werden, wichtig ist nur, dass die Bohrung glatt ist. Praktisch gibt es dann aber natürlich doch Einflüsse außerhalb der Bohrung. Streng genommen sind das dann Materialresonanzen oder Dämpfungen. Aber die können dann den Unterschied zwischen einem guten und einem hervorragenden Instrument ausmachen.

Eigenschaften der Bohrung: Vor allem zylindrisch

Zylinder (links) - Kegel (rechts) - Quelle: www.3d-meier.de
Zylinder / Kegel

Die Bohrung der Klarinette ist zylindrisch, das heißt, dass sie über die volle Länge des Instruments den gleichen Durchmesser hat. Nur ganz oben, im vorderen Teil des Mundstücks ist sie enger und ganz unten, beginnend kurz über der Stürze (dem trichterförmigen unteren Teil), ist sie weiter.

Der Durchmesser der Bohrung misst bei B-Klarinetten um 15 mm (je nach System und Hersteller 14,6 - 15,2). Mundstücke müssen natürlich dazu passend gebaut werden.

Dabei ist die zylindrische Form beim deutschen System weit strenger durchgehalten als beim Boehmsystem (ein Systemvergleich findet sich hier). Die Bohrung des französischen Modells ist zwar auch grundsätzlich zylindrisch, hat aber oft Erweiterungen innerhalb der Bohrung. Damit versuchen die Klarinettenbauer, Probleme der Intonation und Ansprache in den Griff zu bekommen.

Die zylindrische Form der Bohrung hat einen erheblichen Einfluss auf die schwingende Luftsäule, vor allem auf das Reflexionsverhalten der schwingenden Druckwellen und damit auf den Klang des Instruments. Der Zusammenhang wird im Kapitel Klang erläutert. Die Klarinette gehört - wie zum Beispiel auch Flöte und Orgel - zur Gruppe der Pfeifen, die alle zylindrisch sind.

Die meisten anderen Blasinstrumente haben dagegen eine kegelförmige Bohrung, die vom Mundstück bis zum Schalltrichter immer weiter wird - das gilt für Oboe, Fagott und die meisten Blechblasinstrumente.

Was wäre eine Klarinette mit kegelförmiger Bohrung?

Eine Klarinette mit kegelförmiger Bohrung wäre keine Klarinette. Sie würde beim Spielen wie ein Saxophon klingen und sich auch so verhalten - das heißt: beim Öffnen der Überblasklappe in die Oktave springen - nicht so wie eine Klarinette (die dabei in den zwölften Ton springt). Mit anderen Worten: Sie wäre ein hölzernes Saxophon. Ein Holzblasinstrument mit Einfach-Rohrblatt, aber kegelförmigen Bohrung.

Praktische Kompromisse

Klarinettenbohrung - Durchsicht
Bohrung - Oberstück

Tatsächlich schwingen Druckwellen innerhalb der Bohrung hin und zurück (Details sind im Kapitel Klang beschrieben). Idealerweise ist die Bohrung deshalb völlig glatt, und natürlich darf kein Spalt oder keine Versetzung zwischen Mundstück, Birne, Oberstück, Unterstück und Stürze entstehen. Steckt man die Teile zusammen und sieht gegen ein Licht hindurch, sollte man ein einziges, glänzendes, völlig glattes Rohr sehen, durch das die Luft ohne Widerstand und daher ohne Wirbel strömen kann. Aber natürlich ist das nicht ganz so - da sind zum einen die Tonlöcher, die die Wand unterbrechen und Wirbel erzeugen. Dann haben viele Klarinetten an der "Oktav"- oder B-Klappe ein Röhrchen, das in die Bohrung hineinragt, und die frei schwingende Luftsäule stört. Dieses Röhrchen ist sehr hilfreich, weil das Tonloch auf der Rückseite (und damit beim Spielen an der Unterseite) des Instruments liegt - alle anderen Tonlöcher liegen mehr oder weniger an der Oberseite. Ohne das Röhrchen würde Kondenswasser und Spucke in das Tonloch laufen und das Spielen sehr erschweren. Deshalb haben neure Instrumentendesigns eine Umgreifklappe (wrap around key), die ein Tonloch auf der Vorderseite ermöglicht.

Und dann hat es natürlich auch Auswirkungen, wenn man die Birne zum Stimmen herauszieht - es entsteht ein kreisrunder Spalt im Rohr. Ob man das hört? Wenn Du selbst Klarinette spielst, probier es mal aus!

Probleme mit Feuchtigkeit in der Bohrung - Ölen

Die Bohrung ist also ein zylindrisches gebohrtes und poliertes Loch - meistens in Holz - in der die Luftsäule schwingt, wodurch hörbare Klarinettentöne entstehen. Leider wirken eine Menge Effekte auf die Bohrung ein: Die etwa 30°C warme und sehr feuchte Atemluft gerät in die am Anfang noch recht kalte Bohrung, zum Teil noch mit einem feinen Speichelnebel versetzt. Der schlägt sich im oberen Teil der Bohrung nieder. Der obere Teil erwärmt sich rasch, der untere kaum. Es bilden sich kleine Kondenswassertropfen innen, die größer werden und dann hinab laufen können. Deshalb ist es wichtig, dass die Klarinette, wenn sie diese Tendenz hat, regelmäßig - zum Beispiel auch in der Pause eines Konzerts - durchgewischt wird. Das verhindert, dass sich kleine Bäche bilden, die natürlich auch in die Tonlöcher fließen, wo sie dann beim Öffnen gurgelnde Geräusche verursachen können.

Zum anderen ist natürlich Feuchtigkeit und unterschiedliche Wärmeeinwirkung Gift für jedes Holz. Um es dagegen zu imprägnieren, wird das Holz, nachdem die Teile praktisch fertig gebohrt sind, geölt. Das Öl dringt in das Holz ein und sorgt dafür, dass es wasserabweisend wird. Gelegentlich sollte man das Instrument ölen oder ölen lassen, wobei man natürlich - wenn man es selbst macht - darauf achten muss, dass nicht ein Öl/Staub-Gemisch in den Tonlöchern landet. Worauf es beim Ölen generell ankommt, schrieb Martin Schöttle in einem interessanten Artikel für die Zeitschrift rohrblatt.

Wischer

Es empfiehlt sich auch, zum Auswischen einen Lederwischer zu verwenden, bei dem, solange er noch einigermaßen neu ist, immer auch eine geringe Ölmenge in das Instrument gerät. Wer keine Lederwischer will, sollte aber auf keinen Fall einen Wischer aus einem Stoff aus harten Fasern (wie z.B. Seide) verwenden, der einen Schleifeffekt hat, sondern zum Beispiel weiche, aber fusselfreie Baumwolle.

Die einem Flaschen­putzer ähnlichen Wollwischer - vor allem die billigen Versionen - sind eher nicht so gut geeignet. Sie hinterlassen bestenfalls Fusseln im Instrument, im schlimmeren Fall erzeugen sie Kratzer: Im Inneren haben sie eine gedrehte Drahtseele, die - wenn das Werkzeug immer weniger flauschig wird - wie eine Raspel wirkt. Spätestens dann muss man das Werkzeug unbedingt wegwerfen!




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