Instrument: Die Bohrung

Die Bohrung "ist das Instrument" (fast)

Die Bohrung wird vom Klarinettisten meist wenig beachtet, obwohl sie der Teil der Klarinette ist, der klingt - oder viel mehr: Es ist die Luftsäule in der Bohrung, die schwingt, damit Druckwellen in der Umgebungsluft erzeugt und folglich für den Zuhörer klingt. Das Mundstück mit dem Blatt erzeugt "nur" die Schwingung der Luftsäule. Die Luftsäule wird durch die Bohrung, also den Hohlraum im Instrument, begrenzt und gebildet.

Zumindest in der herrschenden Theorie kommt es für den Klang einer Klarinette vor allem auf die Eigenschaften der Bohrung an, also in erster Linie auf deren Form und Oberfläche. Und viel weniger auf das Material der Klarinette, den Korpus, die Klappen und Polster. Deshalb können Klarinetten eigentlich aus jedem beliebigen Material gebaut werden (und werden es auch). Wichtig ist nur, dass die Bohrung zylindrisch und die Oberfläche innen glatt ist. Wer das bezweifelt, sollte sich einmal dieses YouTube Videolink: Linsey Pollack: Making Jam (Karottenklarinette)Video ansehen. Praktisch gibt es dann aber natürlich doch Einflüsse außerhalb der Bohrung. Streng genommen sind das dann aber "nur" Materialresonanzen oder Dämpfungen. Doch die können dann den Unterschied zwischen einem guten und einem hervorragenden Instrument ausmachen.

Eigenschaften der Bohrung: Vor allem zylindrisch

Zylinder (links) - Kegel (rechts) - Quelle: www.3d-meier.de
Zylinder / Kegel

Die Bohrung der Klarinette ist zylindrisch, das heißt, dass sie über die volle Länge des Instruments den gleichen Durchmesser hat. Nur ganz oben, im vorderen Teil des Mundstücks ist sie enger und ganz unten, beginnend kurz über der Stürze (dem trichterförmigen unteren Teil), wird sie weiter, um dann in der Stürze selbst kegelförmig zu werden.

Der Durchmesser der Bohrung misst bei B-Klarinetten um 15 mm (je nach System und Hersteller 14,6 - 15,2). Mundstücke müssen natürlich dazu passend gebaut werden.

Dabei ist die zylindrische Form beim deutschen System weit strenger durchgehalten als beim Boehmsystem (ein Systemvergleich findet sich hier). Die Bohrung des französischen Modells ist zwar auch grundsätzlich zylindrisch, hat aber oft Erweiterungen innerhalb der Bohrung. Damit versuchen die Klarinettenbauer, Probleme der Intonation und Ansprache in den Griff zu bekommen.

Stark vereinfacht kann man sagen: Eine Erweiterung der Bohrung wirkt wie eine Verkürzung, macht also den Ton höher, und eine Verengung wie eine Verlängerung, macht also den Ton tiefer.

Die zylindrische Form der Bohrung hat einen erheblichen Einfluss auf die schwingende Luftsäule, vor allem auf das Reflexionsverhalten der schwingenden Druckwellen und damit auf den Klang des Instruments. Der Zusammenhang und die Auswirkungen werden im Kapitel Klang erläutert. Die Klarinette gehört - wie zum Beispiel auch Flöte und Orgel - zur Gruppe der Pfeifen, die alle im Wesentlichen zylindrisch sind.

Die meisten anderen Blasinstrumente haben dagegen eine kegelförmige Bohrung, die vom Mundstück bis zum Schalltrichter immer weiter wird - das gilt für Oboe, Fagott und die meisten Blechblasinstrumente.

Was wäre eine Klarinette mit kegelförmiger Bohrung?

Natürlich sind schon viele auf die Idee gekommen, das Mundstück einer Klarinette auf einen kegelförmiges Instrumentenkorpus zu setzen. Im Ergebnis sieht das dann aus wie eine sehr dicke Oboe - es ist am Mundstück etwa so stark wie eine Klarinette, und weil es trichterförmig ist, wird es noch deutlich breiter.

Das Instrument hat akustisch andere Eigenschaften als eine Klarinette: Es würde beim Öffnen der Überblasklappe in die Oktave springen - nicht so wie die Klarinette, die dabei in den zwölften Ton springt. Und das Instrument wäre bei gleicher Länge eine Oktave höher als eine Klarinette, daneben auch ordentlich laut. Das kann jeder mithilfe eines Klarinettenmundstücks und einer Papierrolle mit ein paar interessanten Experimenten ausprobieren.

Kurz: mit kegelförmiger Bohrung ist es keine Klarinette mehr, sondern ein Saxophon. Adolph Sax hat die ersten kommerziell erfolgreichen Typen dieses Instruments gebaut.

Praktische Kompromisse

Klarinettenbohrung - Durchsicht
Bohrung - Oberstück

Tatsächlich schwingen Druckwellen innerhalb der Bohrung hin und zurück (Details sind im Kapitel Klang beschrieben). Idealerweise ist die Bohrung deshalb innen völlig glatt, und natürlich darf kein Spalt oder keine Versetzung zwischen Mundstück, Birne, Oberstück, Unterstück und Stürze entstehen. Steckt man die Teile zusammen und sieht gegen ein Licht hindurch, sollte man ein einziges, völlig glattes, glänzendes Rohr sehen, durch das die Luft ohne Widerstand und daher ohne Wirbel strömen kann. Aber natürlich ist das nicht ganz so - da sind zum einen die Tonlöcher, die die Wand unterbrechen und so Wirbel erzeugen. Dann haben viele Klarinetten an der "Oktav"- oder B-Klappe ein Röhrchen, das in die Bohrung hineinragt, und die frei schwingende Luftsäule stört. Dieses Röhrchen ist nötig, weil dieses Tonloch bei der traditionellen Bauweise vor dem Daumen auf der Rückseite (und damit beim Spielen an der Unterseite) des Instruments liegt. Alle anderen Tonlöcher liegen mehr oder weniger an der Oberseite. Das Röhrchen verhindert, dass Kondenswasser und Spucke in das Tonloch laufen und gurgelnde und blubbernde Töne erzeugt. Gleichzeitig stört es den Luftstrom (und oft verfängt sich der Wischer daran). Deshalb haben neure Instrumentendesigns eine Umgreifklappe (wrap around key), die ein Tonloch auf der Vorderseite ermöglicht, aber die Klappe an der üblichen Stelle läßt.

Natürlich hat es auch Auswirkungen, wenn man die Birne zum Stimmen herauszieht - dann entsteht ein kreisrunder Spalt im Rohr. Ob man das hört? Wenn Du selbst Klarinette spielst, probier es mal aus!

Probleme mit Feuchtigkeit in der Bohrung - Ölen

Die Bohrung ist also ein zylindrisches gebohrtes und poliertes Loch - meistens in Holz - in der die Luftsäule schwingt, wodurch hörbare Klarinettentöne entstehen. Leider wirken eine Menge Effekte auf die Bohrung ein: Die etwa 30°C warme und sehr feuchte Atemluft gerät in die am Anfang noch recht kalte Bohrung, zum Teil noch mit einem feinen Speichelnebel versetzt. Der schlägt sich im oberen Teil der Bohrung nieder. Der obere Teil erwärmt sich rasch, der untere langsamer. Es bilden sich kleine Kondenswassertropfen innen, die größer werden und dann das Rohr hinab laufen. Manchmal bilden sich nur Wasserperlen, manchmal kleine Bäche. Deshalb ist es wichtig, dass die Klarinette, wenn sie diese Tendenz hat, regelmäßig - zum Beispiel auch in der Pause eines Konzerts - durchgewischt wird. Das verhindert, dass sich diese kleinen Bäche bilden, die natürlich auch in die Tonlöcher fließen, wo sie dann beim Öffnen gurgelnde Geräusche verursachen können.

Feuchtigkeit und schwankende Wärmeeinwirkung ist natürlich Gift für Holz. Um es dagegen zu imprägnieren, werden die roh vorbereiteten Teile vom Instrumentenbauer - nachdem sie fertig gebohrt sind - geölt. Das Öl dringt in das Holz ein und sorgt dafür, dass es wasserabweisend wird. Gelegentlich sollte man das Instrument ölen oder ölen lassen, wobei man natürlich - wenn man es selbst macht - darauf achten muss, dass nicht ein Öl/Staub-Gemisch in den Tonlöchern landet. Worauf es beim Ölen generell ankommt, schrieb Martin Schöttle in einem interessanten Artikel für die Zeitschrift rohrblatt.

Stark zusammengefasst: Das Öl dringt in die Poren des Holzes ein, verharzt dort (es wird fest) und verschließt damit die Oberfläche gegen Feuchtigkeit. Man verwendet deshalb Öle, die an der Luft unter Sauerstoffeinfluss fest werden. Das sind natürliche Pflanzenöle wie z.B. Hanf- oder Leinsamenöl. Damit diese Öle in die feinen Poren überhaupt einziehen können, mischt man sie mit leicht flüchtigen Substanzen (z.B. Zitrusterpen).

Mineralöle und synthetischen Öle, mit denen man Mechanik schmiert wie Nähmaschinenöl oder Ballistol bleiben im Gegensatz dazu sehr lange flüssig. Sie sind deshalb als Schmierstoff für die Klappenmechanik gut geeignet, aber für die Holzpflege unbrauchbar. Billiges "Blockflötenöl" ist oft aus solchen Ölen. Deshalb läßt man besser die Finger davon. Verschiedene Werkstätten (z.B. Clarissono) verkaufen und versenden für ein paar Instrumente ausreichende Mengen - eine geöffnete Flasche muss man ohnehin sofort verbrauchen, deshalb lohnt sich auch das selbst Mixen praktisch nicht.

Wischer

Es empfiehlt sich, zum Auswischen einen Lederwischer zu verwenden: Ein dreieckiges Stück Fensterleder, das an einem Lederband zum Durchziehen angenäht ist. Das Ende der Kordel ist mit eingenähten Gewichten beschwert, damit es besser durch die Klarinette rutscht. Solange er noch einigermaßen neu ist, gibt der Wischer immer auch eine geringe Ölmenge in das Instrument.

Bei Stoffwischern muss man darauf achten, dass sie völlig fusselfrei sind, und nicht aus hartem Material wie Seide, weil sie sonst einen starken Schleifeffekt haben. Wenn man ein paar tausend Mal mit solchen Wischern ein Instrument durchzieht, hat das den gleichen Effekt wie feines Schleifpapier: Die Bohrung im Zapfen wird innen weiter. Deshalb vor allem den Wischer gerade nach unten durch das Instrument ziehen.

Die einem Flaschen­putzer ähnlichen Stabwischer - vor allem die billigen Versionen, die die Händler in die Instrumentenkoffer legen - sind eher nicht so gut geeignet. Wenn sie altern, wird das Material spröder, sie hinterlassen Fusseln im Instrument, und im schlimmeren Fall erzeugen sie Kratzer: Im Inneren haben sie eine gedrehte Drahtseele, die - wenn das Werkzeug immer weniger flauschig wird - wie eine Raspel wirkt. Spätestens dann muss man das Teil unbedingt wegwerfen!




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