... sei dem einer Trompete ziemlich ähnlich(?)
Um 1750 hieß es in einer der ältesten bekannten Beschreibungen, dass der Klang der Klarinette "... von Ferne einer Trompete zimlich ähnlich .." sei. Das mag damals zutreffend gewesen sein und bezog sich wohl auf das obere, also das Clarin-Register des Instruments. Heute hat die Klarinette aber einen sehr charakteristischen Klang. Deshalb wurde sie zum Beispiel in Peter und der Wolf als Charakterdarsteller für die Katze verwendet.
Eine Reihe von Ausschnitten der bekanntesten Stücke zum Anhören findet sich hier.
Klangvorstellungen sind national unterschiedlich
Es gibt sehr stark voneinander abweichende Vorstellungen darüber, wie eine Klarinette zu klingen hat. Diese haben sehr viel damit zu tun, was für Klarinettisten man schon gehört hat, und womit (und das heißt in erster Linie: in welchem Land) man aufgewachsen ist. Wenn man zum Beispiel Giora Feidmans Spiel auf einer Bassklarinette hört, und den typischen deutschen Klarinettenklang kennt, würde man vermutlich eher annehmen, dass da einer auf einer Mundharmonika spielt und nicht auf einer Klarinette. Das gleiche gilt natürlich auch umgekehrt für jemanden, der mit dem typischen Klezmer-Klarinettisten-Klang oder dem der französischen Interpreten aufgewachsen ist, und vor allem deren Klang aus Radio und von CD (und natürlich auch live) gehört hat.
In Deutschland und Österreich ist ein "dunkler" Ton typisch, kräftig, aber nicht schrill. Das gilt vor allem vom unteren, also vom Chalumeauregister, denn die Klarinette klingt in den verschiedenen Registern sehr unterschiedlich. Unter Register versteht man die Tonreihen, die man spielen kann: diejenige, die man ohne zu Überblasen, die, die man mit einfachem Überblasen und die, die man mit doppeltem Überblasen erreicht. Dabei nennt man das unterste Register Chalumeauregister (weil es das einzige Register war, das das Chalumeau spielen konnte). Auch innerhalb dieses Registers klingen die untersten Töne noch deutlich voller als die darüber. Das höhere Register nennt man Klarinettenregister.
Im Klangbeispiel hört man den Unterschied zwischen tiefem
Chalumeauregister und hohem Klarinettenregister.
Was macht einen Instrumentenklang aus?
Rein physikalisch ist der Klang eines Instruments ein Schall-Ereignis, eine Schwingung der Luft, eine Mischung verschiedener Frequenzen in unterschiedlicher Intensität, die sich über die Zeit für ein Instrument charakteristisch ändert. Der Instrumentenklang wird durch verschiedene Eigenschaften charakterisiert:
- den Basiston
- die Obertonreihe jedes Tons
- das Anschwingverhalten
- eventuelles Vibrato
- sonstige Geräusche (Anblas- / Anstrichgeräusche)
- die Klangeigenschaften des Raums (z.B. Nachhall)
Wie entsteht ein Ton?
Wie oben gesagt: Rein physikalisch ist der Klang eines Instruments ein Schall-Ereignis in der Luft. Am einfachsten ist das bei Saiteninstrumenten zu verstehen: der Klangerzeuger (zum Beispiel bei der Gitarre die Saite) erzeugt Schwingungen, die durch den Resonanzkörper verstärkt werden. Beim Schwingen erzeugt die Saite (und noch viel stärker der Resonanzkörper) Schall-Druckwellen, die sich in der Luft ausbreiten. Diese Wellen werden im Ohr wahrgenommen, an das Gehirn weitergeleitet und analysiert. Je kürzer die Saite ist, desto schneller schwingt sie, desto höher ist der Basiston, den man hört (Schwingung pro Sekunde = Frequenz). So ähnlich ist es mit der Klarinette, je kürzer die Bohrung (je höher das höchste geöffnete Tonloch) desto höher die Frequenz. Was man wirklich hört, ist aber dann noch wesentlich komplexer als der Basiston, dazu unten mehr.
Wie entsteht eine Luftschwingung (ein Ton) in der Klarinette?
Klicken Sie auf die Grafik, um die Animation zu starten. Voraussetzung ist ein installierter Flash-Player.
Während eine Saite einfach gezupft oder gestrichen wird und dann schwingt, bläst man bei der Klarinette in das Mundstück. Zuerst zischt die Luft durch den Spalt zwischen Mundstück und Blatt in die Bohrung, dann wird aber das Blatt vom Luftdruck gegen die Bahn gedrückt und verschließt die Öffnung. Da das Blatt elastisch ist, schwingt es zurück und gibt die Öffnung wieder frei. Sofort drückt der Luftstrom das Blatt wieder gegen die Öffnung und so weiter.
Es entsteht also ein gepulster Luftstrom in die Klarinette hinein. Dieser besteht zum einen als stetiger Luftstrom, zum anderen (wesentlich für die Tonerzeugung) als Druckwellen, die viel schneller sind als der Luftstrom (mit Schallgeschwindigkeit).
Die Reflexion
Immer wenn ein Luft-Druck-Stoß in die Klarinette gelangt, läuft er die Bohrung bis zum Ende hindurch und tritt am Ende hinaus. Dabei wird diese Druckwelle von der Umgebungsluft zum Teil reflektiert und läuft wieder in das Instrument hinein, bis zum Blatt. Auch hier wird er wieder reflektiert und so weiter. Gleichzeitig kommen durch das Mundstück natürlich immer wieder weitere Druckwellen. Dadurch wird die Luftsäule im Instrument am Schwingen gehalten. Die Frequenz dieser Schwingungen ist abhängig von der Resonanzfrequenz des Rohres, und die hängt vor allem von deren Länge ab. In unserem Bild endet die Luftsäule ein Stück unterhalb des Endes des Instruments. Wird aber eine Klappe weiter oben geöffnet, endet die Luftsäule dort. Die Säule wird dadurch kürzer, und sie schwingt entsprechend schneller - genau wie die küzere Saite einer Gitarre. Der Ton wird höher, genau, was wir erwarten.
Die Schalldruckwelle wird insgesamt dreimal mess- und hörbar reflektiert, läuft also vier mal durch das Instrument. Das liegt an der zylindrischen Bohrung. Bei konisch gebohrten Instrumenten (z.B. der Oboe oder dem Saxophon) wird die Welle nur einmal reflektiert, läuft also zweimal über die Länge. Die schwingende Luftsäule wird dadurch bei der Klarinette praktisch doppelt so lang wie bei der Oboe, deshalb sollte man erwarten, dass eine Oboe doppelt so hoch erklingt (eine Oktave höher) wie eine gleich lange Klarinette - und tatsächlich ist es auch so.
Wissenschaftlich erklärt - dabei gut verständlich - findet man die Hintergründe hierzu auf der englischsprachigen Seite des physikalischen Instituts der Uni New South Wales (in Sidney, Australien).
Die Wirklichkeit ist noch viel komplexer
Die Darstellung oben vereinfacht die Wirklichkeit sehr stark: Neben der Hauptfrequenz schwingt die gesamte Reihe der Obertöne entsprechend mit, so dass das Klangbild sehr komplex ist. Die entstehenden Druckwellen in der Luft überlagern sich. Daneben ist die Länge der Luftsäule auch nicht so einfach zu ermitteln, wie die einer Gitarrenseite, weil die Reflexion nicht genau am Ende der Klarinette oder im Mittelpunkt des Tonloches, sondern deutlich außerhalb stattfindet. Abstand und Material der Klappenpolster oder Finger über dem Tonloch haben einen viel größeren Einfluss, als man vielleicht spontan annimmt.
Daneben wirkt sich - zumindest teilweise, je höher der Ton desto stärker - auch die Mundhöhle auf die schwingende Luftsäule aus. Anders wäre es ja auch nicht zu erklären, dass sich die Tonhöhe bei hohen Tönen durch Verändern der Mundhöhle - forme mal ein "iiii" (kleine Mundhöhle) oder ein "oooo" (grosse Mundhöhle) beeinflussen lässt. Siehe hierzu auch den Abschnitt zur Spieltechnik - Ansatzstimmen. Mit ausreichend Erfahrung kann man dann - zumindest in der oberen Lage - ein einwandfreies Glissando spielen.
Die Klarinette ist ein transponierendes Instrument - was bedeutet das?
Wir nennen die Klarinetten A, B oder Es. Das hat nichts mit einem Grundton zu tun (wie es ihn bei Blechblasinstrumenten gibt), sondern gibt den Ton an, der erklingt, wenn man auf dem Instrument ein C greift. Wenn man also auf einer B-Klarinette eine C-Dur-Tonleiter greift und spielt, erklingt sie als B-Dur. Entsprechend erklänge dann auf einer A-Klarinette eine A-Dur Tonleiter und auf einem Es-Instrument eine in Es:
| wenn man ein C spielt, erklingt ein | damit ein C erklingt, muss man greifen | |
| Piano | C (das Piano transponiert nicht) | C (klar - das Piano transponiert nicht) |
| B-Klarinette | B (alles erklingt einen ganzen Ton tiefer) | D (man muss einen ganzen Ton höher greifen) |
| A-Klarinette | A (alles erklingt ein-einhalb Töne tiefer) | Dis (man muss ein-einhalb Töne höher greifen) |
| Es-Klarinette | Es (alles erklingt ein-einhalb Töne höher) | A (man muss ein-einhalb Töne tiefer greifen) |
Siehe hierzu auch das Beispiel in den FAQ.
Obertöne
Musikinstrumente geben nicht nur reine Sinus-Schwingungen je nach Tonhöhe ab (mit der Ausnahme von speziellen Synthesizern, die dann aber sehr künstlich klingen), sondern noch sogenannte Obertöne, das sind Frequenzen, die meist im ganzzahligen vielfachen der gespielten Töne klingen, also höhere Töne. Das bedeutet: Das doppelte, dreifache, vierfache, fünffache und so weiter. Diese mitschwingenden Töne werden in der Regel nach oben hin immer schwächer. Da es eine ganze Reihe sind, nennt man sie die Obertonreihe. Sie werden kaum bewusst wahrgenommen, aber ergeben den charakteristischen Klang eines gerade ausgehaltenen Tons. Ohne die Obertonreihen klängen das c einer Klarinette nicht anders als das einer Oboe, einer Trompete oder einer Geige - es wäre eine reine Sinus-Schwingung, wie von einem elektronischen Klangerzeuger.

In der Abbildung oben (aus M. Spitzer, Musik im Kopf, S. 95) sieht man sehr schön die Tonschwingung und die Obertonspektren verschiedener Instrumentengattungen: die Querflöte mit ihrer fast rein sinusförmigen Kurve und wenig Obertönen, der Blockflöte mit ebenfalls wenig Obertönen, dann der Klarinette und den oboenartigen Doppelrohrinstrumenten sowie den Blechblasinstrumenten mit Kesselmundstück.
Die besonders stark einen Klang beeinflussenden Obertöne nennt man Formanten. Man erkennt sie daran, dass sie im Bild besonders stark sind. Deutlich wird, dass alle anderen Instrumente als Haupt-Formanten gleiche Werte haben (rote Linie), während bei der Klarinette andere Töne schwingen. Das hat mit der Akustik der Klarinette und ihrer zylindrischen Bohrung zu tun. Vereinfacht kann man sagen, dass die meisten Instrumente eine gleichmäßige Obertonreihe haben (sie nehmen gleichmäßig in der Intensität ab) aber bei der Klarinette vor allem die ungeraden Obertöne stark sind. Flöten haben also eine Reihe 1 - 2 - 3 - 4 - 5 und Klarinetten 1 - 3 - 5 - 7.
Überblasen ins höhere Register - Klangveränderung
Die Klarinette hat auch noch abhängig von der jeweiligen Tonlage (also Chalumeau- oder Klarinettenregister) einen sehr stark unterschiedlichen Klang. Ein tiefes c klingt also überhaupt nicht genauso wie ein hohes, nur eine Oktave höher, sondern fast so, als seien es zwei unterschiedliche Instrumente. Die allertiefsten Töne haben dann noch einmal einen ganz anderen charakteristischen Klang.
Daher kann man auch nicht einfach zum Beispiel eine Alt-Klarinette durch eine Bassklarinette ersetzen und einfach hochtransponieren - wenn die Stimme gut hörbar ist, fällt das den Zuhörern, die das Stück kennen, sofort auf - es klingt anders.
Das liegt daran, wie der Ton im oberen Register erzeugt wird: Beim öffnen einer Überblasklappe "zerstört" man die unterste stehende Welle, also die tiefste Frequenz, und wir höhren die folgenden Obertöne (vor allem die erste Frequenz). Bei der Flöte ist die Reihe 2 - 3 - 4 und so weiter, also der Ton ist doppelt so hoch, natürlich eine Oktave. Weil die Reihe gleichmäßig ist, klingt der Ton fast gleich, nur doppelt so hoch. Bei der Klarinette hören wir entsprechend noch 3 - 5 - 7 - 9 und so weiter, und da diese Reihe nicht gleichmäßig ist, klingt sie eben auch anders. Korrekt müsste man also nicht sagen: "Wir spielen im höheren Register", sondern "wir filtern die tiefe Frequenz weg". Entsprechend ist es auch anstrengender, genau so laut das hohe Register zu spielen wie das tiefe. Beim Klarinettenregister geht es noch recht einfach, die "3" ist noch relativ stark und leicht am Schwingen zu halten. Die "5" geht schwerer und die "7" beherrschen nur noch Profis. Dabei entstehen auch noch Stimmungsprobleme: Die Wirkung des aktustischen Widerstands an Tonlöchern nimmt bei höheren Frequenzen stark zu, die Tonlöcher müssten also größer sein, und die Welle tritt nicht voll aus dem Tonloch aus - die Tonsäule wird praktisch länger und die Stimmung bei hohen Tönen ist relativ zu tief.
Eine sehr detaillierte Diskussion findet sich auf den hervorragenden (englischen) Seiten des physikalischen Instituts der Universität von New South Wales in Sidney.
Wissenschaftlich erklärt - dabei gut verständlich - findet man die Hintergründe hierzu auf der englischsprachigen des physikalischen Instituts der Uni New South Wales (in Sidney, Australien).
Anschwingverhalten
Das Anschwingverhalten des Instruments ist ebenfalls eine individuelle Eigenschaft. Der Klang, der während des "Anstossens" eines Tones entsteht, ist meist viel charakteristischer für das Instrument, als der Klang, der beim gerade ausgehaltenen Ton stehenbleibt.
Hört man bei einzelnen Instrumenten nur den ausgehalten klingenden Ton kann man die Instrumente leichter verwechseln,
als beim angestossenen Ton.
Besonders charakteristisch für Klarinetten wird der Klang im Chalumeau-Register oder im tieferen
Klarinettenregister beim leicht nachklingenden Staccato.
Die Bedeutung des Anschwingverhaltens für den Klang erkennt man gut bei Synthesizern: Billige können nur den ausgehaltenen Ton erzeugen, der sehr künstlich klingt - gerade beim Anschlagen. Gute erzeugen auch das Anschlag-, Anstoss- oder Anblasgeräusch und klingen darum viel natürlicher. Richtig kompliziert wird das zum Beispiel bei Hörnern, Fagotten und eben bei Klarinetten. Gerade bei Klarinetten ist das Anschwingverhalten über die verschiedenen Register (Chalumeau, mittleres- und oberes Register) auch noch sehr unterschiedlich. Das merkt man vor allem beim Staccato (man denke nur an das Thema der Katze bei Peter und der Wolf).
Stimmung
Stimmung = Tonhöhe: Wenn viele Instrumente in einem Ensemble spielen, kommt sofort das Problem auf, dass sie gemeinsam stimmen müssen, damit sie ihre Töne in einer einheitlichen Tonhöhe spielen. Ansonsten klingt es grausam. Das Vorgehen ist genormt, in soweit sollte es eigentlich kein Problem darstellen: Man einigt sich auf einen Ton - im klassischen Orchester ist das das "a" - und legt den mit 440 Hertz ("Kammerton a" TODO Wikipedia) fest.
Alle Instrumente spielen sich zuvor kurz ein. Bei Bläsern ist das auch deshalb nötig, weil sich die Instrumente durch die Atemluft von Raumtemperatur auf beinahe Atemluft-Temperatur erwärmen und sie sich dadurch in der Stimmung verändern. Dann blasen alle kurz zur Kontrolle das "a", meist im Vergleich zur sehr gut durchdringenden Oboe. Streicher machen das als Gruppe, Bläser, deren Töne meist nach vorn abstrahlen, besser einzeln, sonst hören sie vor allem Leute hinter sich und nicht sich selbst. Tip: halt dabei mal ein Ohr fest zu - dann wird dir Klar, warum Sänger das auch machen! Zuletzt überprüft jeder noch für sich, ob auch alle anderen Töne relativ zum jetzt genormt eingestellten "a" stimmen, und los geht's.
Soweit die Theorie.
In der Praxis entstehen dabei - vor allem für Klarinettisten - einige Probleme:
Grundsätzlich stimmen nicht alle Orchester auf dem Kammerton 440 Hertz sondern haben eine eigene Grundfrequenz - gerne bei 443 Hertz. Man macht das, weil durch die leicht erhöhte Frequenz das Orchester etwas brillianter klingt. Im laufe der Jahrzehnte wird die Frequenz tendenziell immer ein bisschen höher. Ein Streicher hat damit natürlich kein Problem, denn die spielen ohnehin immer "relativ", also könnten sich auf fast jede Tonhöhe einstellen und korrigieren auch während des Spielens. Wohin das bei Klarinettisten führt, sehen wir unten.
Dann erwärmt sich das Blasinstrument während des Spielens weiter (wer kommt schon wirklich eine halbe Stunde vor Probenbeginn und spielt sein Instrument völlig warm? Zum Konzert sollten das darum aber alle machen!). Diese Erwärmung erfolgt relativ zur Entfernung vom Mundstück - weiter oben ist die Veränderung stärker als weiter unten. Der Instrumentenbauer hat das vorhergesehen und die Tonlöcher für ein warmes Instrument ausgerichtet - die Stimmung sollte sich beim Warmspielen also verbessern. Kalte Instrumente zu Stimmen bringt kaum was!
Der Klarinettist muss also - genau wie die meisten anderen Bläser - sein Instrument nachstimmen. Das macht er in der Regel durch Herausziehen der Birne oder das Einsetzen einer kürzeren Birne- dadurch wird das Instrument länger und damit tiefer oder kürzer und damit höher.
Aber das geht nur sehr begrenzt gut, weil sich durch Herauszeihen bzw. Hereinschieben der Birne das Verhältnis der Tonlöcher untereinander und zur Länge des Instruments ändert: auf die kürzesten Töne wirkt sich die Verlängerung sehr stark aus, auf die langen Töne sehr wenig. Beispiel: Du verlängerst das Instrument um 3 mm (ziemlich viel). Für das obere gegriffene a (oberste Klappe) - das Tonloch ist vielleicht 8-9 cm von der Mundstückspitze weg, sind 3 mm Verlängerung relativ viel - fast ein Viertel Ton! Für das Tonloch zum tiefen F - bei fast einem halben Meter Distanz zum Mundstück wirkt sich die Verlängerung nur noch sehr gering aus (ein halbes Prozent). In der Praxis muss man wissen, wie man mit diesem Problem umgeht. Mehr über das Stimmen findest Du im Abschnitt Stimmen im Kapitel Spieltechnik.
Vibrato
Dann gibt es noch ein Vibrato-Verhalten eines Instrumentes. Das ist im deutschsprachigen Raum besonders umstritten bei der Klangdiskussion der Klarinette, denn traditionelle "deutsche" (und österreichische) Klarinettisten haben in der Regel überhaupt kein Vibrato, während alle anderen Nationen ihre Klarinetten mit zum Teil starken Vibrato spielen - oft auch bei Stücken, bei denen das nicht passt; zum Beispiel bei Mozart (zumindest aus deutsch/Österreichischer Sicht).
Das Vibrato entspricht vor allem jeweils nationalen Stilen: gemäßigt klingt es bei englischen, deutlich bei französischen und extrem bei Jazz- und Klezmer-Klarinettisten.
Man kann technisch zwischen einem Tonhöhen- und einem Intensitätsvibrato und dann natürlich der Kombination aus beidem unterscheiden. Üblicher ist und gepflegter klingt das Tonhöhenvibrato, das etwa dem entspricht, was ein Cello-Spieler macht.
Obwohl es in Deutschland weitgehend nicht gespielt wird, sprechen doch einige Argumente für den angemessenen Einsatz von Vibrato, zumindest aber dafür, es zu lernen, damit man es wo nötig einsetzen kann:
- Diverse Stücke ausländischer Komponisten erwarten ein Vibrato verschiedener Ausprägung
- In Klassikern: Es ist nicht sicher, dass z.B. Mozart sich die Melodien ohne Vibrato gedacht hat - vermutlich war Stadler wie viele andere frühe Klarinettisten ein "umgelernter" Oboist, für den also Vibrato normal war. Und dass der es auf der Klarinette mit ihrem damals wohl noch leichteren Blatt eingesetzt hat, ist eher wahrscheinlich. Insbesondere, wenn ein Komponist eine Melodie über mehrere Instrumente "wandern" lässt: Erst Geigen, dann Flöten, dann Oboen und dann spielt die Klarinette das gleiche Thema. Wenn jetzt alle Instrumente vor der Klarinette ein starkes, ausdrucksvolles Vibrato in ähnlichem Stil spielen - dann erscheint es zumindest sehr merkwürdig - aus musikalischer Sicht - wenn die Klarinette einen völlig "graden" Ton hält.
- Die Intonation wird an kritischen Stellen wesentlich vereinfacht: leichtes Vibrato wird vom Zuhörer in der Regel nicht wahrgenommen, unser Gehirn hört (recht exakt) den Durchschnittston. Spielen jetzt drei Klarinettisten einen kritischen Part mit langen Tönen unisono, würden ohne Vibrato selbst geringste Schwankungen und Abweichungen wahrgenommen. Bei Vibrato fallen diese Abweichungen heraus.
Hier als Beispiel einfach mal ein Stück von Mozart - hör mal selbst, wie das klingt.
Spielt der Klarinettist Vibrato? (Antwort)
Klingt das OK?
Sonstige Geräusche des Instruments
Darüber hinaus gibt es noch ein für jedes Blasinstrument charakteristisches Rauschen des Mundstücks, das bei der Klarinette kaum hörbar ist, und das "Plop" beim Schließen der Klappen (dies vor allem bei leichten Blättern, und daher eher beim französischen Modell).
Subjektives Klangerlebnis des Spielers
Verantwortlich für den Klang ist - neben dem Instrument - natürlich zuallererst der Spieler selbst, in erster Linie muss er die Spieltechnik beherrschen. Hier kommt es vor allem auf den korrekten Ansatz und die richtige Atmung an. Mit entsprechender Erfahrung und Ausbildung kann der Spieler den Klang seines Instrumentes in einem weiten Bereich beeinflussen, und sei es, dass er verschiedene Blätter oder Mundstücke einsetzt.
Dabei ist es ein Problem, dass der Klarinettist selbst gar nicht hört, was beim Zuhörer ankommt, sondern einen völlig anderen Klang: Die Schwingungen der Klarinette übertragen sich in seinen Kopf nämlich nicht nur durch den Schall in der Luft, den der Zuhörer hört, sondern auch - und zu einem großen Teil - direkt durch den Kiefer, der ja die Klarinette direkt berührt, in den Schädel und ins Ohr. Damit kommt ein eher klarerer Klang bei ihm an, und er hat die Tendenz, eher etwas "muffig" klingende Instrumente zu bevorzugen. Was ihm scharf oder schrill vorkommt, erlebt ein Zuhörer noch lange als angenehm. Wer nicht regelmäßig technisch gute Aufnahmen von sich selbst machen und anhören kann, muss sich also auch auf die Aussagen von anderen zum eigenen Klang einlassen.
Deutsches Oehler- oder französisches Boehm-System?
Aussenstehende überrascht die an Glaubenskriege erinnernde Auseinandersetzung um den "einzig richtigen" Klang und die ziemlich albern wirkenden Versuche in Deutschland, alle anderen Klarinettensysteme (alles, was nicht Oehler-Klarinette ist, also vor allem das Boehm-System) mit ihrem "französischen Klang" und dem Vibrato zu verteufeln und aus den Orchestern zu verbannen. Tatsächlich ist das völlig normal und hat bei den meisten anderen Instrumenten in deren Geschichte ebenso stattgefunden, meist hat sich der französische Geschmack und das französische Modell international durchgesetzt (berühmte Ausnahme ist der Kontrabaß - da setzte sich das deutsche Modell durch).
Eine ausführlichere Gegenüberstellung der beiden Systeme findet sich hier.
Natürlich sind die beiden Instrumenten-Typen verschieden und das ermöglicht, unterschiedliche Ausdrucksweisen auf dem einen System leichter zu erreichen als auf dem anderen. Ein Oehler-System hat eine engere Bohrung und eine längere Mundstückbahn, die in der Regel wesentlich schwerere Blätter braucht. Damit wird zum Beispiel ein Lippenvibrato schwieriger. Der klassische deutsche Klarinettist hat Vibrato aber natürlich ohnehin nicht gelernt. Sein Ton ist viel dunkler als der der typischen Franzosen. Dunkler Ton heißt vor allem: es gibt eher starke tiefere Obertöne (Formanten) als hohe. In Konsequenz klingt das Instrument "dunkel" oder "muffig", das Gegenteil wäre ein "heller", tragender Klang mit vielen hohen Obertönen.
Tatsächlich spielen aber heute Klarinettisten mit Boehm-Klarinetten in Orchestern direkt neben deutschen Systemen und man kann den Unterschied nicht hören. Natürlich benutzen sie schon entsprechende Mundstücke und Blätter, aber was zählt, ist: Man kann, egal auf welchem System, immer auch den Klang erzeugen, den man gerade will, vorausgesetzt, man hat gelernt, wie das geht.
Das gilt nicht nur für Boehm-Spieler in deutschen Orchestern, sondern auch umgekehrt. Man muss das natürlich auch wollen, und man muss sich mit den anderen Klarinettisten einigen, wie ein Stück klingen soll, denn in einem Ensemble sollten die Klarinetten in einem Stück vom Stil her einheitlich spielen.
Idealer Klang: für jedes Stück anders
Soviel ist klar: Es kann keinen allgemeingültigen idealen Klang geben. Jeder Komponist und jeder Musiker hat für jede Stelle eine bestimmte Vorstellung, wie es klingen sollte. Ob man nun bei Mozarts langsamen Klarinettenstellen mit Vibrato spielt, ist heftig umstritten, siehe oben die Diskussion zum Vibrato. Im anderen Extrem wird man zum Beispiel Gershwins Rhapsody in Blue mit dem Glissando am Anfang kaum im deutschem Stil spielen wollen. Die Katze in "Peter und der Wolf" ist natürlich vom Stil der russischen Klarinettisten beeinflusst, wie sie zur Zeit von Prokofiew spielten - man kannte zwar auch die deutschen Instrumente (die waren noch lange in Russland verbreitet), hatte aber in der Regel dann einen starken französischen Einfluss. Und gerade französische Stücke selbst (z.B. Saint Saens) sollten entsprechend gespielt werden. Das mag für manchen etwas scheppernd schrill klingen, aber Aussagen wie "ein deutscher Klarinettist hat kein Vibrato und spielt kein Boehm, und je dunkler der Ton klingt, desto besser" helfen eben nicht weiter.
Der Klarinettist muss sich immer mit dem Komponisten (und den Vorstellungen seiner Mitspieler, nicht zuletzt des Dirigenten) auseinandersetzen und einen entsprechenden Klang erzeugen. Am besten beherrscht man das für verschiedene Stile.
Die Lösung für Ensemble: Alle mit identischen Instrumenten?
Natürlich benutzen manche Profi-Orchester genau identische Instrumente (wenn es auf Kosten nicht so ankommt oder wenn ein großer Hersteller das finanziell unterstützt). Dann hat man aber immer noch mit verschiedenen Mundstücken, Bahnen und Ansatzformen zu tun, weil ja schließlich auch die Zahnstellung und die Mundinnenräume der Spieler nicht identisch sind. Man beobachte nur einmal bei größeren Blasorchestern die unterschiedlichen Winkel, in denen die Klarinettisten ihr Instrument zum Körper halten, manche sitzen vollkommen entspannt still, alles was sich bewegt, sind die Finger und der Bauch; andere schaukeln beim Spielen hin und her, andere vor und zurück, das sogenannte "Rudern". Insgesamt kommt es wohl mehr auf eine einheitliche Vorstellung vom Klang an; und auf regelmäßiges gemeinsames Üben mit entsprechender Anleitung. Es ist deshalb zumindest im Amateurbereich überhaupt kein Problem, verschiedene Instrument-Typen zu mischen.