Der Klang der Klarinette

... sei dem einer Trompete ziemlich ähnlich(?)

Um 1750 hieß es in einer der ältesten bekannten Beschreibungen, dass der Klang der Klarinette

"... von Ferne einer Trompete zimlich ähnlich .." sei. Das mag damals zutreffend gewesen sein und bezog sich wohl auf das obere Register des Instruments. Heute hat die Klarinette aber einen eigenen, unverwechselbaren Klang. Deshalb wurde sie zum Beispiel in Peter und der Wolf als "Charakterdarsteller" für die Katze verwendet (neben der Oboe als Ente, der Flöte für den Vogel und dem Fagott für den Großvater).

Man kann jetzt versuchen, den Klang der Klarinette sprachlich zu beschreiben - das haben die Autoren vieler Bücher versucht ( "... klingt wie eine Schiffssirene aus großer Entfernung ... " oder "... erinnert an eine Jazz-Sängerin ... " ), aber das bleibt unvollkommen. Im Internet hat man es einfacher - man setzt einfach einen Link auf eine Seite mit Ausschnitten der bekanntesten Stücke zum selbst Anhören.

Klangvorstellungen sind national sehr unterschiedlich

Es gibt sehr stark voneinander abweichende Vorstellungen darüber, wie eine Klarinette zu klingen hat. Diese Vorstellungen haben sehr viel damit zu tun, was für Klarinettisten man schon gehört hat. Das heißt in erster Linie: In welchem Kulturkreis man aufgewachsen ist. Wenn man zum Beispiel mit dem Klarinettenklang der deutschen Klassiker vertraut ist, und dann zum ersten Mal den Klezmer-Klarinettisten Giora Feidman auf einer Bassklarinette hört, würde man vermutlich eher annehmen, dass da einer auf einer Mundharmonika als auf einer Klarinette spielt. Das gleiche gilt natürlich auch umgekehrt für jemanden, der mit dem typischen französischen oder eben dem orientalischen Klang aufgewachsen ist und das täglich im Radio und von CD (vielleicht auch live) hört.

Vereinfacht kann man sagen, dass die Vorstellung, wie eine Klarinette zu klingen hat, sich in etwa am Gesangstil der jeweiligen Gegend orientiert. Man stelle sich einen französischen oder einen türkischen Sänger (am deutlichsten in der Pop- oder Volksmusik) vor, und dann weiß man, was Türken oder Franzosen von ihren Klarinettisten erwarten.

Typisch für nationale Stilrichtungen ist auch, dass der jeweils bevorzugte Klang oft mit einem bestimmten Instrumentensystem (z.B. deutsch oder Boehm, meist sogar bestimmten Typen) in Zusammenhang gebracht wird - das ist so bei Deutschen und Franzosen ebenso wie bei den Türken, und auch bei den meisten anderen nationalen Richtungen.

Ein türkischer Leser beschreibt das sehr schön:

Und die Klarinettisten in der Türkei spielen mit sehr viel Seele und Emotionen! Es gibt Stücke, da denkt man, die Klarinette singt, erzählt von ihrem Leid oder der Trauer - ja ja, die bekommen das so hin, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes weint! Ein deutscher Musiklehrer kann Dir gar keine Musik beibringen, die man so in der Türkei spielt! Zum Beispiel Hüsnü Senlendirici spielt so. Er hat eine Amati 356s in tief G - nur mit der kann man türkische Musik noch treffender spielen. ...

Liebe deutsche Leser, bitte nicht lächeln von wegen orientalischem Nationalstolz: Von deutschen Traditionalisten über russische Romantiker bis hin zu Klezmerfanatikern hört man im Prinzip genau das gleiche mit den gleichen Argumenten, nur natürlich jeweils in eine andere Richtung.

Natürlich kommen die lokal bevorzugten Instrumententypen der herrschenden Klangvorstellung entgegen, aber auf der anderen Seite könnte man sehr wohl das in der Türkei bevorzugte Klangbild mit einem deutschen System erzeugen - man muss dann allerdings ein leichtes Blatt nehmen und ein bisschen Glissando und Vibrato üben (siehe unten)...

Im "deutschen" Kulturkreis, also in Deutschland und Österreich ist ein "dunkler" Ton typisch, kräftig, aber nicht schrill. Das gilt vor allem vom unteren, also vom Chalumeauregister, denn die Klarinette klingt in den verschiedenen Registern sehr unterschiedlich.

Voraussetzungen: Wie hören wir überhaupt Musik?

Rein physikalisch ist der Klang eines Instruments ein Schall-Ereignis, also eine Schwingung der Luft, eine Mischung verschiedener Frequenzen in unterschiedlicher Intensität, die sich über die Zeit, also im Verlauf jedes einzelnen Tones für ein Instrument auch noch charakteristisch ändert. Wenn mehrere Instrumente zusammenspielen, ist das Ergebnis ein höchst komplexer Klang.

In unserem an Musik gewöhnten Gehirn werden die meisten Bestandteile unbewusst aufgenommen und auf das wichtigste reduziert: Instrumentenklasse, Basiston, Dynamik und Artikulation - und das ist ziemlich genau das, was auch durch Symbole ausgedrück in der Partitur steht. Daneben kann das Gehirn noch Position und Anzahl der Schallquellen ermitteln, sowie aus dem Nachhall auf die Größe und ungefähre Form des Raums sowie seiner Oberfläche schließen (ein Badezimmer klingt anders als ein gleich großer Fahrstuhl).

Das Gehirn ist in der Lage, die musikalischen Funktionen zu erfassen: Es kann Melodien herauszuhören und von Begleitung trennen, Harmonien (Dur / Moll) erkennen, Stimmungsfehler, Störgeräusche und ähnliches unterdrücken und viele äußerst komplexe Aufgaben mehr, alles gleichzeitig und für den Menschen auch noch entspannend(!). Man sollte sich klarmachen, dass ein normaler Zuhörer bei der Aufnahme einer Symphonie mit rund hundert Instrumenten einen einzigen falschen Ton allein an der unplausiblen Harmonie erkennt, obwohl er die Symphonie vielleicht noch nie gehört hat.

Bei "guter Musik" die "direkt ins Herz geht" wird das ganze noch deutlich weiter abstrahiert: Die Klänge werden direkt in Emotionen umgesetzt (siehe oben: die Klarinette "weint"). Laien, denen einfach der Hintergrund für die analytische Zerlegung des Gehörten in eine "geistige Partitur" fehlt, machen diesen Schritt direkt - oder das Gehörte sagt ihnen gar nichts.

In vielstimmiger Musik kommt meist nur noch die Hauptmelodie im Bewußtsein an. Alles andere wird unbewusst wahrgenommen, trägt aber natürlich trotzdem stark zum Eindruck bei. Zumindest gilt das beim entspannten Musikhören. Beim Musiker, vor allem beim Dirigenten, laufen im bewussten Teil der Wahrnehmung bei derselben Musik meist noch ganz andere Prozesse ab, hier wird verglichen, ob und wie die Musik im Vergleich zum bekannten umgesetzt wird. Das ist in etwa vergleichbar mit Deiner Wahrnehmung dieses Textes: Du siehst Buchstaben in Druckschrift (vermutlich Helvetica oder Arial) in Dunkelgrau auf hellgrauem Hintergrund, 10 Punkt-Größe, Zeilenabstand 1 1/2 und so weiter, und das kommt auch alles im Gehirn an - letztlich nimmst Du aber bewußt nur den Inhalt wahr (ausser Du achtest jetzt auf die Typographie...)

Beim Musikmachen und Musikhören gibt es also verschiedene Ebenen, die vom Gehirn ineinander übersetzt werden müssen:

  • Musik ist meist in Noten aufgeschrieben, die der Musiker liest und im Kopf in eine Klangvorstellung übersetzt
  • Die Musiker müssen eine Idee entwickeln, wie die Klangvorstellung durch das Instrument ausgedrückt werden kann
  • mit ihrem Instrument oder ihrer Stimme erzeugen sie - allein oder in der Gruppe - entsprechende Klänge
  • die Klänge breiten sich durch die Luft als Druckwellen aus
  • die Druckwellen erreichen als Schall das Ohr (Musik, Störgeräusche und so weiter - alles völlig gleichberechtigt)
  • im hörbaren Frequenzbereich werden die Druckwellen als Nervenimpulse an das Gehirn weitergeleitet
  • das Gehirn analysiert die Nervenimpulse und rekonstruiert daraus zusammengehörende Druckwellen, ordnet sie räumlich zu, sortiert Störgeräusche aus
  • das akustische Grundverständnis übersetzt die Wellen und Geräusche in Klänge
  • das musikalische Verständnis übersetzt die Klänge in Musik (Instrumente, Stimmen, Melodien, Rhytmen)
  • das musikalisch/emotionale Verständnis interpretiert die Musik und macht daraus Bilder oder Emotionen

Die Aufzählung ist schematisiert und vereinfacht, aber sie zeigt, wie viele Umwandlungen und Übersetzungen beim Musizieren tatsächlich ablaufen, die man nicht wahrnimmt und in der Regel auch nicht wahrnehmen will. Es sind viele Schritte nötig, um mit Hilfe von Musik Gefühle vom Spieler zum Zuhörer zu transportieren.

Gleiches hören = gleiches verstehen?

Im allgemeinen dürfte es so sein, dass rein physikalische und nervliche Schritte bei den meisten Menschen nahezu gleich verlaufen - also bei gesundem Gehör kommt im Gehirn bei allen Menschen noch fast das Gleiche an. Bei der Analyse und Bewertung gibt es dann aber individuell schon erhebliche Unterschiede. Als Musiker kann oder besser sollte man sich dann entsprechend auf sein Publikum einstellen.

Man hört oft den Satz "Musik ist eine Sprache, die jeder Mensch auf der Welt versteht". Ist das wirklich so - oder ist vielmehr das Erkennen, ob etwas traurig oder fröhlich klingt oder klingen soll, abhängig von der kulturellen Prägung des Menschen? Ist Musik vielleicht ganz im Gegenteil zu dem Satz oben genau wie eine Sprache, die man erst mal erlernen muss, wenn man sie deuten will? Natürlich verstehen wir die Musik unseres eigenen Kulturkreises, ohne darüber nachzudenken. Und da die meisten Menschen mit westlichen Medienprodukten vertraut sind, verstehen sie die Bedeutung eines Militärmarsches oder eines Walzers. Der Gedanke der Allgemeinverständlichkeit ist vielleicht auch deshalb so verbreitet, weil die Journalisten und Lehrer, die ihn ständig wiederholen, in unseren Medien praktisch nichts anderem begegnen als westlicher Musik. Ruf mal diese Links bei Youtube auf und entscheide, ob Du hören kannst, was die Musik uns sagen will, und ob es fröhlich, traurig oder nachdenklich klingt:

Türkei: Klarinettist Hüsnü Senlendirici
Indien: Pichaikannu
Bali: Gamelan
Bali: Trauermusik

Die Musiker in diesen Videos sind offensichtlich in ihrem Kulturkreis anerkannt. Die Zuschriften im Youtube verraten, dass die Leute, die sich das ansehen/anhören und die Musik kennen, ausgesprochen angetan, ja begeistert sind. Wenn Du mit ihrer Musik nichts anfangen kannst, liegt das nicht am Musiker.

Was macht einen Instrumentenklang aus?

Rein physikalisch ist der Klang eines Instruments ein Schall-Ereignis, also eine Schwingung der Luft, eine Mischung verschiedener Frequenzen in unterschiedlicher Intensität, die sich über die Zeit, also im Verlauf jedes einzelnen Tones für ein Instrument auch noch charakteristisch ändert. Wenn mehrere Instrumente zusammenspielen, ist das Ergebnis ein höchst komplexer Klang. Der Instrumentenklang eines einzelnen Tons wird durch verschiedene Eigenschaften charakterisiert:

  • den Basiston
  • die Obertonreihe jedes Tons und die Stärke der einzelnen Obertöne im Verhältnis
  • das Anschwingverhalten
  • eventuelles Vibrato
  • sonstige Geräusche (Anblas- / Klappen- / Anstrichgeräusche)
  • die Klangeigenschaften des Raums (z.B. Nachhall oder Dämpfung bestimmter Frequenzen, Echos) - das wird normalerweise nicht bewusst wahrgenommen, sondern vom Gehirn "herausgerechnet"

Wie entsteht ein Ton?

Bild: Tonschwingung - Saiten, Kurve
Tonschwingung - oben Saiten, unten Kurve

Wie oben gesagt: Rein physikalisch ist der Klang eines Instruments ein Schall-Ereignis in der Luft. Am einfachsten ist das bei Saiteninstrumenten zu verstehen: der Klangerzeuger (zum Beispiel bei der Gitarre die Saite) erzeugt Schwingungen, die durch den Resonanzkörper verstärkt werden. Beim Schwingen erzeugt die Saite (und noch viel stärker der Resonanzkörper) Schall-Druckwellen, die sich in der Luft ausbreiten. Diese Wellen werden im Ohr wahrgenommen, an das Gehirn weitergeleitet und analysiert. Je kürzer die Saite ist, desto schneller schwingt sie, desto höher ist der Basiston, den man hört (Schwingung pro Sekunde = Frequenz). So ähnlich ist es mit der Klarinette, je kürzer die Bohrung, also je höher das höchste geöffnete Tonloch, desto höher die Frequenz. Eine genauere Beschreibung findest Du hier. Was man wirklich hört, ist aber dann noch wesentlich komplexer als der Basiston, dazu unten mehr.

Wie entsteht eine Luftschwingung (ein Ton) in der Klarinette?

Klicken Sie auf die Grafik, um die Animation zu starten. Voraussetzung ist ein installierter Flash-Player.

Während eine Saite einfach gezupft oder gestrichen wird und dann schwingt, bläst man bei der Klarinette in das Mundstück. Der Druck der Luft durch den Spieler ist etwa 3000 Pascal (entspricht einer 30cm Wassersäule) das ist der Dauerdruck, den man auf das Mundstück erzeugt. Zuerst zischt die Luft durch den Spalt zwischen Mundstück und Blatt in die Bohrung, dann wird aber das Blatt vom Luftdruck gegen die Bahn gedrückt und verschließt die Öffnung. Da das Blatt elastisch ist, schwingt es zurück und gibt die Öffnung wieder frei. Sofort drückt der Luftstrom das Blatt wieder gegen die Öffnung und so weiter.

Es entsteht also ein gepulster Luftstrom in die Klarinette hinein. Dieser besteht zum einen als Luftstrom (im Bild die blauen Pfeile), zum anderen (wesentlich für die Tonerzeugung) als Druckwellen (im Bild als rote Welle), die viel schneller sind als der Luftstrom. Der blaue Luftstrom ist für die Tonerzeugung unwichtig, maximal nehmen wir ihn als Rauschen des Blatts wahr.

Beim Vergleich mit Wasser wird das vielleicht noch klarer: Stell Dir einen schmalen Kanal wie an einer Wassermühle vor, an dessen Anfang ein Wehr oder eine Schleuse ist. Wenn man das Wehr immer für einen Moment öffnet und schließt, schwappt etwas Wasser durch und fließt langsam den Kanal entlang. Die entstehenden Wellen aber bewegen sich sehr schnell, viel schneller als das fließende Wasser. Bei Luft ist das genauso: Der Luftstrom ist vielleicht 30 km/h schnell, die Wellen in der Luft laufen aber mit Schallgeschwindigkeit - 1.234,8 km/h.

Die Reflexion - stehende Wellen

Immer wenn ein Luft-Druck-Puls in die Klarinette gelangt, läuft er die Bohrung bis zum Ende hindurch und tritt am Ende hinaus. Dann wird diese Druckwelle zum Teil reflektiert (genauer: wieder in die Bohrung hineingesaugt) und läuft zurück bis zum Blattspalt. Auch hier wird die Welle wieder reflek­tiert und so weiter. Die Dauer des Durchlaufs der Welle vom Blattspalt durch die Bohrung bis zum Ende, wieder zurück zum Mundstückende und ein zweiter Hin- und Rückweg (also viermal die Länge) ergibt die tiefste Resonanzfrequenz der Klarinette. Darüber liegen dann ganzzahlige Vielfache.

Gleichzeitig kommen durch das Mundstück immer wieder weitere Druckwellen. Wenn jetzt die Resonanzfrequenz der Röhre und die Pulsfrequenz des Mundstücks gleich ist oder ein Vielfaches, so dass immer beim Auftreffen eines Wellenpulses dieser wieder ein bisschen "angeschoben" wird, dann wird die Luftsäule im Instrument gleichmäßig am Schwingen gehalten. Die Welle ebbt dann nicht ab, sondern schwingt stabil. Man spricht deshalb von einer stehenden Welle. Nur Töne, deren Resonanzfrequenzen zur Länge der Luftsäule passen, können sich so bilden und halten. Das Mundstück mit dem Blatt kann praktisch jede in diesen Bereich passende Frequenz herstellen und tut das auch. Die Wellen, die sich jetzt stabil bilden, werden vom Spieler im Wesentlichen über geöffnete Tonlöcher und zum Teil durch die Dämpfung des Blattes mit der Unterlippe beeinflusst.

Die Länge Luftsäule kann nun verändert werden: Wird eine Klappe geöffnet, endet die Luftsäule eben dort und nicht mehr unter dem Trichter. Die Säule wird dadurch kürzer. Die Geschwindigkeit des Schalls bleibt immer gleich, das heißt, für den jetzt kürzeren Weg braucht die Welle weniger Zeit. Stell es dir als Ping-Pong-Spiel vor: Der Ball fliegt immer gleich schnell, nur der Abstand wird immer kleiner. Das bedeutet für die Frequenz: sie wird höher. Eine stehende Welle, die zu der kürzeren Säule passt, hat eine höhere Frequenz, also einen höheren Ton. Genau, wie man es erwartet. Nur erzeugt genaugenommen nicht die kürzere Röhre den höheren Ton, sondern nur der höhere Ton kann in der Röhre eine stehende Welle bilden und weiterschwingen. Das Blatt kann in allen nötigen Frequenzen schwingen, der Spieler unterstützt das unbewusst mit dem Ansatz.

Die wahre Länge der Luftsäule in der Klarinette

In unserem Bild endet die Luftsäule ein Stück unterhalb des Endes des Instruments; das ist so, weil die umgebende Luft sehr elastisch ist, und das Volumen der Umgebung ist sehr groß. Würde man aber eine Hand vor das Ende der Klarinette halten, so dass die Welle auf eine reflektierende Wand trifft, würde die Welle direkt reflektiert. Entsprechend würde die Säule kürzer und der Ton etwas höher. Der Effekt ist deutlich hörbar und läßt sich zum Korrigieren von Tonhöhen durchaus einsetzen. Bei Tonlöchern führt ein teilweises Abdecken aber auch zu einer Ton-Vertiefung, wobei das irgendwann wie ein Gabelgriff wirkt.

Neben dem Luftraum am unteren Ende der Klarinettenbohrung (siehe oben) wirkt sich - zumindest teilweise, und je höher der Ton ist, desto stärker - auch die Mundhöhle auf die schwingende Luftsäule aus. Anders wäre es ja auch nicht zu erklären, dass sich die Tonhöhe bei hohen Tönen durch Verändern der Mundhöhle beeinflussen lässt. Forme mal ein "iiii" (=kleine Mundhöhle) oder ein "oooo" (=grosse Mundhöhle). Siehe hierzu auch den Abschnitt zur Spieltechnik - Ansatz­stimmen. Mit ausreichend Erfahrung kann man dann - zumindest in der oberen Lage - ein einwandfreies Glissando spielen.

Die Schalldruckwelle läuft auch nicht nur einfach von Blattspalt bis zum Ende der Klarinette, sondern wird dort reflektiert / zurückgesaugt. Bei der Klarinette gibt es insgesamt drei Reflexionen; die Welle läuft also vier mal durch die Klarinette. Bei den meisten anderen Holzblasinstrumenten wie der Oboe oder dem Saxophon oder der Flöte ist das anders, da wird die Welle nur einmal reflektiert, läuft also zweimal über die Länge. Das liegt am Unterschied in der Bohrung:

  • Instrumente mit zylindrischen Bohrung und einem geschlossenen Ende (Klarinetten) haben alle die vierfache Wellenlänge
  • Instrumente mit zylindrischer Bohrung und Öffnungen an beiden Enden (Flöte) haben eine Wellenlänge, die der doppelten Bohung entspricht - nach der Reflektion und dem Weg bis zum Munstück tritt die Schallwelle aus dem Mundstück direkt aus
  • Instrumente mit konischer (trichterförmiger) Bohrung haben auch nur eine doppelte Welle - hier läuft sich die Welle im immer enger werdenden Instrument bis zum Mundstückspalt anscheinend tot.

Bei der Klarinette ist die gesamte Wellenlänge also etwa doppelt so lang wie bei einer gleich langen Oboe, Flöte oder Saxophon, deshalb sollte man erwarten, dass diese anderen Instrumente doppelt so hoch erklingen (eine Oktave höher) wie eine gleich lange Klarinette - und tatsächlich ist es auch so.

Wissenschaftlich erklärt - dabei gut verständlich - findet man die Hintergründe hierzu auf der englischsprachigen Seite des physikalischen Instituts der Uni New South Wales (in Sidney, Australien).

Einfache Experimente als Anregung zum Nachdenken

Mit einem einfachen Experiment kann man die Auswirkung verschiedener Bohrungstypen gut zeigen: Dazu braucht man nur ein Klarinettenmundstück mit aufgebundenem Blatt und ein Blatt normales Papier. Das Papier rollt man in der kürzeren Richtung zu einem Rohr und steckt es in die Mundstücköffnung. Dabei achtet man darauf, dass die Röhre zylindrisch ist, also oben und unten gleich weit. Das entspricht einer Klarinette. Beim Blasen entsteht ein normaler Klarinettenton.

Zylindrisch oder trichterförmig - Klarinette oder Saxophon

Wird sich der Ton ändern, wenn man jetzt das Ende der Papierrolle zu einem Trichter öffnet?

Theoretisch wird jetzt aus der "Klarinette" jetzt "Saxophon", die Reflexion 2 und 3 fallen nämlich weg, die stehende Welle wird kürzer und der Ton müsste deshalb deutlich höher werden - etwa doppelt so hoch. Und praktisch passiert das auch. In soweit stimmt also die Theorie.

Allerdings: Wenn man während des Spielens die Öffnung von zylindrisch auf trichterförmig erweitert, steigt der Ton stufenlos an und "kippt" nicht plötzlich, wie man aufgrund der Theorie vielleicht erwarten könnte. Vielleicht kann ein Leser das erklären?

Stellenweise Veränderungen des Bohrungsdurchmessers

Auch dieses Experiment wirft vielleicht mehr Fragen auf, als es beantwortet, aber die Wirkung hat erhebliche praktische Bedeutung: Man rollt die Papierrolle wieder zum Zylinder und drückt an verschiedenen Stellen die Röhre zusammen. Was wird passieren? Die Länge der Röhre bleibt schließlich gleich - und Anfangs- und End-Durchmesser sind auch gleich.

Also passiert nichts? Falsch! Eine Verengung der Röhre - vor allem am unteren Ende - macht den Ton tiefer! Genauso wirkt es sich aus, wenn man einen Gegenstand in die Röhre bringt.

Wenn man also die Bohrung verengt, wird der Ton tiefer. Erweitert man die Bohrung, werden die Töne höher. Diese Effekte nutzen die Instrumentenbauer aus, um ein Instrument zu optimal zu stimmen: Sie schleifen die Bohrung innen etwas aus oder verengen sie, indem sie sie zum Beispiel sehr dünn ausspachteln, ganz schnell und billig zum Beispiel mit Nagellack... Nichts zum selbst machen!

Übrigens nutzt das Boehm-System diesen Effekt auch grundsätzlich, indem Stimmungsprobleme, also Unterschiede zwischen Registern damit gelöst werden - die Position der Tonlöcher ist da oft ein Kompromiss. Und interessanterweise wirkt sich der Effekt einer Bohrungsverengung- oder Erweiterung nicht auf tiefes und mittleres Register gleich stark aus. Deshalb hat das Boehmsystem - anders als das Deutsche System mit seiner fast völlig zylindrischen Bohrung - schon von Haus aus mehrere stufenförmige Erweiterungen der Bohrung.

Die Wirklichkeit des Klangs ist aber noch viel komplexer

Die Darstellung oben vereinfacht die Wirklichkeit sehr stark, denn neben der Hauptfrequenz schwingt die gesamte Reihe der Obertöne entsprechend mit. Dadurch wird das Klangbild der Blasinstrumente (eigentlich aller Instrumente) sehr komplex. Die entstehenden Druckwellen in der Luft überlagern sich. Übertragen auf den Vergleich mit Wellen im Wasser: über die großen Wellen laufen gleichzeitig kleine Wellen, und darüber noch kleinere. Luftdruckwellen sind zwar räumlich, aber sie verhalten sich ähnlich wie Wasserwellen. Am Ohr kommen Druckschwankungen an, die sich durch überlagerte Wellen abbilden lassen.

Obertöne

Musikinstrumente geben nicht nur reine Sinus-Schwingungen je nach Tonhöhe ab (mit der Ausnahme von speziellen Synthesizern, die dann aber sehr künstlich klingen), sondern auch noch diverse "mitschwingende" höhere Töne, sogenannte Obertöne. Sie haben Frequenzen, die meist im ganzzahligen vielfachen der gespielten Töne klingen. Das bedeutet: Das doppelte, dreifache, vierfache, fünffache der Grundfrequenz und so weiter. Diese mitschwingenden Töne werden in der Regel nach oben hin immer schwächer. Da die Obertöne eine ganze Reihe ergeben, nennt man sie die Obertonreihe.

Menschen mit normalem Gehört nehmen diese Reihe nicht bewußt war - bewußt hören wir nur den untersten Ton, die Basis. Aber der für jeden Instrumenttyp charakteristische Mix an Obertönen ergibt den Klang dieses Instruments. Ohne die Obertonreihen klängen das c einer Klarinette kaum anders als das einer Oboe, einer Trompete oder einer Geige - es wäre eine reine Sinus-Schwingung, wie von einem elektronischen Klangerzeuger.

Instrumente und resultierende Obertonreihen: Flöte, Blockflöte, Klarinette, Doppelrohr, Blechblasinstrument

In der Abbildung oben (aus M. Spitzer, Musik im Kopf, S. 95) sieht man sehr schön die Tonschwingung und die Obertonspektren verschiedener Instrumentengattungen: die Querflöte mit ihrer fast rein sinusförmigen Kurve und wenig ausgeprägten Obertönen, der Blockflöte mit ebenfalls wenig Obertönen, dann der Klarinette und den oboenartigen Doppelrohrinstrumenten sowie den Blechblasinstrumenten mit Kesselmundstück.

Die besonders stark einen Klang beeinflussenden Obertöne nennt man Formanten. Man erkennt sie daran, dass sie im Bild besonders stark sind. Deutlich wird, dass alle Instrumente ausser der Klarinette als Haupt-Formanten gleiche Werte haben (rote Linie), während bei der Klarinette andere Töne schwingen. Das hat mit der Akustik der Klarinette und ihrer zylindrischen Bohrung und dem geschlossenen Munstück zu tun. Vereinfacht kann man sagen, dass die meisten Instrumente eine gleichmäßige Obertonreihe haben (sie nehmen gleichmäßig in der Intensität ab) aber bei der Klarinette vor allem die ungeraden Obertöne stark sind. Flöten haben also eine Reihe 1 - 2 - 3 - 4 - 5 und Klarinetten 1 - 3 - 5 - 7.

Drei Register der Klarinette

Bei Holzblasinstrumenten versteht man unter Register bestimmte Abschnitte der Tonreihe, die jeweils eine Reihe von Tönen bilden - es geht von "alle Tonlöcher zu" bis "alles auf". Es gibt immer ein unterstes Register, dann das erste Überblasregister und eventuell noch ein zweites darüber. Jeder Blockflötenspieler kennt das: Öffnet man das Überblasloch mit dem Daumen bzw. bläst man das Instrument scharf an, "kippt" der Ton und erklingt eine Oktave höher. Bei der Klarinette ist das ähnlich. Sie hat drei Register:

  1. Das Chalumeauregister - die Töne, die man ohne zu überblasen spielen kann, also ohne die Überblasklappe zu öffnen. Das historische Chalumeau konnte nur dieses einzige Register richtig spielen, weswegen wir es bei der Klarinette noch heute so nennen.
  2. Das Klarinettenregister - so heißen die Töne, die man mit einfachem Überblasen erreicht. Diese Töne machten aus dem Chalumeau die Klarinette, und deshalb ist auch dieser Name treffend.
  3. Das Kopfregister - die Töne, die man mit doppeltem Überblasen - hohem Ansatzdruck - erreicht. Man nennt ja auch beim Singen die höchste Lage "Kopflage".

Im Klangbeispiel hört man den Unterschied zwischen tiefem Chalumeauregister und hohem Klarinettenregister.

Innerhalb der Register klingen die untersten Töne meist deutlich voller als die darüber.

Warum klingen die Register bei der Klarinette so verschieden?

Der Klang des Instruments in den Registern unterscheidet sich stark, vor allem beim Wechsel von Chalumeau - zu Klarienttenregister. Ein hohes c klingt also überhaupt nicht wie ein tiefes, nur eine Oktave höher, sondern eher so, als seien es zwei unterschiedliche Instrumente. Und die allertiefsten Töne des Chalumeauregisters haben dann noch einmal einen ganz eigenen, charakteristischen Klang.

Das ist bei anderen Instrumenten deutlich weniger ausgeprägt. Praktisch bedeutet es für Klarinettisten zwei Dinge:

Wenn eine Melodie eine einfachen Tonleiter enthält, die von einem Register ins Nächste geht, dann wechselt schlagartig die Klangfarbe. Das ist normalerweise nicht gewollt, und der Spieler muss sich drauf einstellen. Andere Instrumente haben das in wesentlich geringerem Maß, da klingt das obere Register nur eine Spur schärfer.

Zum anderen heißt das auch, dass man nicht einfach zum Beispiel eine Alt-Klarinette zum Beispiel durch eine Bassklarinette ersetzen und einfach hochtransponieren kann - wenn die Stimme gut hörbar ist, fällt das Zuhörern, die das Stück kennen, sofort auf - es klingt anders.

Das liegt daran, wie der Ton im oberen Register erzeugt wird, also die Höhe "kippt": Beim Öffnen einer Überblasklappe "zerstört" man die unterste stehende Welle, also die tiefste Frequenz, und wir höhren die folgenden Obertonreihen (vor allem die erste Frequenz). Bei der Flöte ist die Reihe 2 - 3 - 4 und so weiter, also der Ton ist doppelt so hoch, natürlich eine Oktave. Weil die Reihe gleichmäßig ist, klingt der Ton im oberen Register fast gleich, nur doppelt so hoch. Das Frequenzspektrum und der Obertonbereich bleibt ja praktisch sehr ähnlich. Bei der Klarinette hören wir entsprechend noch 3 - 5 - 7 - 9 und so weiter, und da diese Reihe ungleichmäßig ist, klingt sie eben auch anders.

Korrekt müsste man also auch nicht sagen: "Wir spielen im höheren Register", sondern "wir filtern die tiefe Frequenz weg". Entsprechend ist es auch anstrengender, im hohen Register genauso laut zu spielen wie im tiefen. Beim Klarinettenregister geht das noch recht einfach, die "3" ist noch relativ stark und leicht am Schwingen zu halten. Die "5" geht schwerer und die "7" beherrschen nur noch Profis. Dabei entstehen auch noch Stimmungsprobleme: Die Wirkung des aktustischen Widerstands an Tonlöchern nimmt bei höheren Frequenzen stark zu, die Tonlöcher müssten also größer sein, und die Welle tritt nicht voll aus dem Tonloch aus - die Tonsäule wird praktisch länger und die Stimmung bei hohen Tönen ist relativ zu tief.

Eine sehr detaillierte Diskussion - wissenschaftlich erklärt, aber auch allgemein verständlich - findet sich auf den hervorragenden (allerdings englischen) Seiten des physikalischen Instituts der Universität von New South Wales in Sidney.

Anschwingverhalten

Das Anschwingverhalten des Instruments - also der Klang, der entsteht, bis der Ton stabil ist, ist eine sehr charakteristische Eigenschaft jedes Instrumententyps. Dieser Klang, der durch und während des "Anstossens" oder Anstreichens eines Tones entsteht, ist meist viel charakteristischer für ein Instrument, als der Klang, der beim gerade ausgehaltenen Ton stehenbleibt.

Ausgehaltener Ton Hört man bei einzelnen Instrumenten - zum Beispiel bei Oboe und Klarinette - nur den ausgehalten klingenden Ton, kann man die Instrumente vielleicht verwechseln. Beim angestossenen Ton - zum Beispiel bei eine Stacchato-Tonreihe von Klarinette und Trompete würde das wohl niemandem mehr passieren.

Legate bis Staccato Besonders charakteristisch für Klarinetten wird der Klang im Chalumeau-Register oder im tieferen Klarinettenregister beim leicht nachklingenden Staccato.

Die Bedeutung des Anschwingverhaltens für den Klang erkennt man sehr gut bei Instrumenten, die dies nicht haben: Billige Synthesizer (Elektroklaviere) können nur den ausgehaltenen Ton erzeugen, der sehr künstlich klingt. Gerade beim Anschlagen ist das störend. Gute Synthesizer erzeugen auch das Anschlag-, Anstoss- oder Anblasgeräusch und klingen darum viel natürlicher. Natürlich sind die "Klangbibliotheken" dann viel größer. Richtig kompliziert wird das dann zum Beispiel bei Hörnern, Fagotten und eben bei Klarinetten. Gerade bei Klarinetten ist das Anschwingverhalten über die verschiedenen Register (Chalumeau, mittleres- und oberes Register) auch noch sehr unterschiedlich. Das merkt man vor allem beim Staccato (man denke nur an das Thema der Katze bei Peter und der Wolf).

Die Klarinette ist ein transponierendes Instrument - was bedeutet das?

Wir nennen die Klarinetten A, B oder Es. Das hat nichts mit einem Grundton zu tun (wie es ihn bei Blechblasinstrumenten gibt), sondern gibt den Ton an, der erklingt, wenn man auf dem Instrument ein C greift. Wenn man also auf einer B-Klarinette eine C-Dur-Tonleiter greift und spielt, erklingt sie als B-Dur. Entsprechend erklänge dann auf einer A-Klarinette eine A-Dur Tonleiter und auf einem Es-Instrument eine in Es:



wenn man ein C spielt, erklingt ein damit ein C erklingt, muss man greifen
Piano C (das Piano transponiert nicht) C (klar - das Piano transponiert nicht)
B-Klarinette B (alles erklingt einen ganzen Ton tiefer) D (man muss einen ganzen Ton höher greifen)
A-Klarinette A (alles erklingt ein-einhalb Töne tiefer) Dis (man muss ein-einhalb Töne höher greifen)
Es-Klarinette Es (alles erklingt ein-einhalb Töne höher) A (man muss ein-einhalb Töne tiefer greifen)

Siehe hierzu auch das Beispiel in den FAQ.

Stimmung - die richtige Tonhöhe treffen

Stimmung = Tonhöhe: Wenn viele Instrumente in einem Ensemble spielen, kommt sofort das Problem auf, dass sie gemeinsam stimmen müssen, damit sie ihre Töne in einer einheitlichen Tonhöhe spielen. Ansonsten klingt es grausam. Bläser haben das Problem stärker als Streicher, denn sie können beim Spielen nur schwer nachregulieren.

Das Vorgehen beim Stimmen ist aber genormt, in soweit sollte es eigentlich kein Problem darstellen: Man hat sich auch weltweit auf einen Ton und eine Frequenz geeinigt - also sollten alle Orchester der Welt mit dem Kammerton "a" auf 440 Hertz spielen.

Sogar das der Stimmvorgang ist überall gleich: Alle Instrumente spielen sich zuvor kurz ein. Bei Bläsern ist das auch deshalb nötig, weil sich die Instrumente durch die Atemluft von Raumtemperatur auf beinahe Atemluft-Temperatur erwärmen und sie sich dadurch in der Stimmung verändern. Dann blasen alle kurz einmal zur Kontrolle ihr "a", meist im Vergleich zur sehr gut durchdringenden Oboe. Streicher machen das als Gruppe registerweise, Bläser, deren Töne meist nach vorn abstrahlen, besser erst einzeln, dann mit den anderen gleichen Instrumenten - sonst hören sie vor allem Leute hinter sich, nur nicht sich selbst. Tip: halte dabei mal ein Ohr fest zu - dann wird dir klar, warum Sänger das auch machen! Zuletzt überprüft jeder noch für sich, ob auch alle anderen Töne relativ zum jetzt genormt eingestellten "a" stimmen, und los geht's.

Soweit die Theorie.

In der Praxis entstehen dabei - vor allem für Klarinettisten - einige Probleme:

Es stimmen leider nicht alle Orchester auf Basis des Kammertons 440 Hertz. Die meisten haben haben eine höhere Stimmfrequenz - meist liegt sie heute um 443 Hertz. Man macht das, weil durch die leicht erhöhte Frequenz das Orchester etwas brillianter klingt. Im laufe der Jahrzehnte wird die Frequenz tendenziell immer ein bisschen höher. Ein Streicher hat damit natürlich kein Problem, denn der spielt immer "relativ", also könnte der sich auf fast jede Tonhöhe einstellen. Streicher korrigieren auch während des Spielens nach. Wohin das bei Klarinettisten führt, sehen wir unten.

Während des Spielens erwärmt sich das Blasinstrument weiter (denn wer kommt schon wirklich eine halbe Stunde vor Probenbeginn und spielt sein Instrument dann völlig warm? Spätestens zum Konzert sollten das aber besser alle machen!). Diese Erwärmung erfolgt leider auch noch relativ zur Entfernung vom Mundstück - weiter oben ist die Veränderung stärker als weiter unten. Der Instrumentenbauer hat das schon vorhergesehen und die Tonlöcher für ein warmes Instrument ausgerichtet - die Stimmung sollte sich beim Warmspielen also eigentlich verbessern. Kalte Instrumente zu stimmen bringt kaum was!

Der Klarinettist muss also - genau wie die meisten anderen Bläser - sein Instrument nachstimmen. Das macht er in der Regel durch das Herausziehen der Birne (um tiefer zu werden) oder das Hereinschieben beziehungsweise Einsetzen einer kürzeren Birne- dadurch wird das Instrument kürzer und damit höher.

Aber das geht nur sehr begrenzt gut, weil sich durch das Herausziehen bzw. Hereinschieben der Birne das Verhältnis der Tonlöcher untereinander und zur Länge des Instruments ändert: auf die kürzesten Töne wirkt sich die Verlängerung sehr stark aus, auf die langen Töne sehr wenig.

Beispiel: Du verlängerst das Instrument um 3 mm (ziemlich viel).

  • Für das obere gegriffene a (oberste Klappe) - das Tonloch ist vielleicht 8-9 cm von der Mundstückspitze weg, sind 3 mm Verlängerung relativ viel - fast ein Viertel Ton!
  • Für das Tonloch zum tiefen F - bei fast einem halben Meter Distanz zum Mundstück wirkt sich die Verlängerung nur noch sehr gering aus (ein halbes Prozent).

In der Praxis muss man wissen, wie man mit diesem Problem umgeht. Mehr über das Stimmen findest Du im Abschnitt Stimmen im Kapitel Spieltechnik.

Vibrato

Dann gibt es noch ein Vibrato-Verhalten eines Instrumentes. Das ist im deutschsprachigen Raum besonders umstritten, denn traditionelle "deutsche" (und österreichische) Klarinettisten haben in der Regel überhaupt kein Vibrato, während alle anderen Nationen ihre Klarinetten mit zum Teil starken Vibrato spielen - oft auch bei Stücken, bei denen das nicht passt; zum Beispiel bei Mozart (zumindest aus deutsch/österreichischer Sicht).

Das Vibrato entspricht vor allem jeweils nationalen Stilen: gemäßigt klingt es bei englischen, deutlich bei französischen und extrem bei Jazz- und Klezmer-Klarinettisten.

Man kann technisch zwischen einem Tonhöhen- und einem Intensitätsvibrato und dann natürlich der Kombination aus beidem unterscheiden. Üblicher ist und gepflegter klingt das Tonhöhenvibrato, das etwa dem entspricht, was ein Cello-Spieler macht.

Der Grund, warum ein Tonhöhenvibrato auf der Klarinette deutlich unangenehmer klingt, als auf den meisten anderen Instrumenten, liegt in der Bessel-Funktion: Die ungeraden Obertonreihen der Klarinette harmonieren bei Tonhöhenvibrato eben nicht so gut wie zum Beispiel die bei Streichern oder der menschlichen Stimme. Die Zusammenhänge sind auf einer japanischen Seite von Iori Fujita erläutert, es gibt auch eine englische Version:

http://www.geocities.jp/imyfujita/mozart-clarinet-quintet/mozartclarinetquintet.html

Obwohl es in Deutschland weitgehend nicht gespielt wird, sprechen doch einige Argumente für den angemessenen Einsatz von Vibrato, zumindest aber dafür, es zu lernen, damit man es wo nötig einsetzen kann:

  • Diverse Stücke ausländischer Komponisten erwarten ein Vibrato verschiedener Ausprägung
  • Jazz, Klezmer und andere orientalische Musik wäre ohne Vibrato völlig unvorstellbar.
  • Die Intonation wird an kritischen Stellen wesentlich vereinfacht: leichtes Vibrato wird vom Zuhörer in der Regel nicht wahrgenommen, unser Gehirn hört (recht exakt) den Durchschnittston. Spielen jetzt drei Klarinettisten einen kritischen Part mit langen Tönen unisono, würden ohne Vibrato selbst geringste Schwankungen und Abweichungen wahrgenommen. Bei Vibrato fallen diese Abweichungen heraus.
  • In Klassikern: Es wird in Deutschland zwar gern behauptet, aber es ist nicht sicher und schon gar nicht belegt dass z.B. Mozart sich die Melodien seiner Klarinettenstimmen ohne Vibrato gedacht hat - vermutlich war Stadler wie viele andere frühe Klarinettisten ein "umgelernter" Oboist, für den also Vibrato normal war. Und dass der es auf der Klarinette mit ihrem damals wohl noch leichteren Blatt eingesetzt hat, kann man als wahrscheinlich annehmen. Insbesondere, wenn ein Komponist eine Melodie über mehrere Instrumente "wandern" lässt, wie auch Mozart es tut: Das Motiv erklingt zuerst bei den Geigen, dann spielen es die Flöten, dann die Oboe und dann die Klarinette. Immer das gleiche Thema. Wenn jetzt alle Instrumente vor der Klarinette ein starkes, ausdrucksvolles Vibrato in ähnlichem Stil spielen - dann erscheint es zumindest merkwürdig - aus musikalischer Sicht - wenn die Klarinette einen völlig "graden" Ton hält.

2. Satz - Adagio Hier als Beispiel einfach mal ein Stück von Mozart - hör mal selbst, wie das klingt.
Spielt der Klarinettist Vibrato? (Antwort) Klingt das OK?

Sonstige Geräusche des Instruments

Darüber hinaus gibt es noch ein für jedes Blasinstrument charakteristisches Rauschen des Mundstücks, das bei der Klarinette kaum hörbar ist, und das "Plop" beim Schließen der Klappen (dies vor allem bei leichten Blättern, und daher eher beim französischen Modell).

Subjektives Klangerlebnis des Spielers

Verantwortlich für den Klang ist - neben dem Instrument - natürlich zuallererst der Spieler selbst, in erster Linie muss er die Spieltechnik beherrschen. Hier kommt es vor allem auf den korrekten Ansatz und die richtige Atmung an. Mit entsprechender Erfahrung und Ausbildung kann der Spieler den Klang seines Instrumentes in einem weiten Bereich beeinflussen, und sei es, dass er verschiedene Blätter oder Mundstücke einsetzt.

Dabei ist es ein Problem, dass der Klarinettist selbst gar nicht hören kann, was beim Zuhörer ankommt. Das ist vielen Spielern überhaupt nicht bewußt. Genauso, wie wir überrascht sind, wenn wir eine Aufnahme unserer Sprache hören, weil diese so ganz anders klingt, als das was wir wahrnehmen, wenn wir sprechen.

Der Grund ist der gleiche: Die Schwingungen der Klarinette wie auch der eigenen Stimme übertragen sich nämlich nicht nur durch den Schall in der Luft, wodurch ein Zuhörer etwas hört, sondern auch - und sogar zu einem großen Teil - direkt durch den Kiefer, der ja die Klarinette direkt berührt, in den Schädel und ins Ohr. Damit kommt ein eher klarerer Klang beim Spieler an, und er hat daher die Tendenz, eher etwas "muffig" klingende Instrumente zu bevorzugen. Was ihm scharf oder schrill vorkommt, erlebt ein Zuhörer aber noch lange als angenehm.

Konsequenz: Man sollte sich möglichst oft technisch gute Aufnahmen von sich selbst anhören. Wer das nicht kann (wer hat schon hochwertige Aufnahmegeräte zu Hause oder ist oft im Studio?) muss sich auf die Aussagen von anderen zum eigenen Klang verlassen. Viel wichtiger ist aber noch, dass man sich die Tatsache der Subjektivität des Klangerlebnisses klarmacht.

Boehm-System-Klang versus "deutscher Klang"

Es gibt verschiedene Instrumentensysteme, die auch unterschiedlich klingen - eine Beschreibung und ausführlichere Gegenüberstellung vor allem der beiden führenden Systeme (Deutsch und Boehm) findet sich hier.

Aussenstehende überrascht die an Glaubenskriege erinnernde Auseinandersetzung um den "einzig richtigen" Klang. Es gibt ziemlich albern wirkende Versuche in Deutschland, alle anderen Klarinettensysteme, also alles, was nicht Deutsche oder Oehler-Klarinette ist, vor allem also das Boehm-System mit seinem "französischen Klang" und dem Vibrato zu verteufeln und aus den Orchestern zu verbannen. Tatsächlich ist das Verhalten aber völlig normal und hat bei den meisten anderen Instrumenten in deren Geschichte ebenso stattgefunden, meist hat sich der französische Geschmack und das französische Modell international durchgesetzt (berühmte Ausnahme ist der Kontrabaß - da setzte sich das deutsche Modell durch).

Natürlich sind die Instrumenten-Typen verschieden - aber nicht so verschieden, dass man bei einem echten Blindtest sagen könnte, was für einen Instrumententyp man hört. Vor allem Profis können das nicht, noch weniger als Amateure. Aber die Unterschiede sind da und ermöglichen, unterschiedliche Ausdrucksweisen auf dem einen System leichter zu erreichen als auf dem anderen.

Ein deutsches, vor allem ein Oehler-System hat eine engere Bohrung und eine längere Mundstückbahn als ein Boehm-Instrument, und braucht in der Regel auch wesentlich schwerere Blätter. Damit wird zum Beispiel ein Lippenvibrato schwieriger. Der klassische deutsche Klarinettist hat Vibrato aber "natürlich" ohnehin nicht gelernt. Sein Ton ist viel "dunkler" als der der typischen Franzosen. Dunkler Ton heißt vor allem: es gibt eher starke tiefere Obertöne (Formanten) als hohe. In Konsequenz klingt das Instrument "dunkel" oder "muffig", das Gegenteil wäre ein "heller", tragender Klang mit vielen hohen Obertönen.

Tatsächlich spielen aber heute Klarinettisten mit Boehm-Klarinetten in Orchestern direkt neben deutschen Systemen und man kann den Unterschied nicht hören. Natürlich benutzen sie schon entsprechende Mundstücke und Blätter, aber was zählt, ist: Man kann, egal auf welchem System, immer auch den Klang erzeugen, den man gerade will, vorausgesetzt, man hat gelernt, wie das geht.

Das gilt nicht nur für Boehm-Spieler in deutschen Orchestern, sondern auch umgekehrt. Man muss das natürlich auch wollen, und man muss sich mit den anderen Klarinettisten einigen, wie ein Stück klingen soll, denn in einem Ensemble sollten die Klarinetten in einem Stück vom Stil her einheitlich spielen.

Idealer Klang: für jedes Stück anders

Soviel ist klar: Es kann keinen allgemeingültigen idealen Klang geben. Jeder Komponist und jeder Musiker hat für jede Stelle eine bestimmte Vorstellung, wie es klingen sollte. Ob man nun bei Mozarts langsamen Klarinettenstellen mit Vibrato spielt, ist heftig umstritten, siehe oben die Diskussion zum Vibrato. Im anderen Extrem wird man zum Beispiel Gershwins Rhapsody in Blue mit dem Glissando am Anfang kaum im deutschem Stil spielen wollen. Die Katze in "Peter und der Wolf" ist natürlich vom Stil der russischen Klarinettisten beeinflusst, wie sie zur Zeit von Prokofiew spielten - man kannte zwar auch die deutschen Instrumente (die waren noch lange in Russland verbreitet), hatte aber in der Regel dann einen starken französischen Einfluss. Und gerade französische Stücke selbst (z.B. Saint Saens) sollten entsprechend gespielt werden. Das mag für manchen etwas scheppernd schrill klingen, aber Aussagen wie "ein deutscher Klarinettist hat kein Vibrato und spielt kein Boehm, und je dunkler der Ton klingt, desto besser" helfen eben nicht weiter.

Der Klarinettist muss sich immer mit dem Komponisten (und den Vorstellungen seiner Mitspieler, nicht zuletzt des Dirigenten) auseinandersetzen und einen entsprechenden Klang erzeugen. Am besten beherrscht man das für verschiedene Stile.

Eine Lösung für Ensembles: Alle mit identischen Instrumenten?

Tatsächlich benutzen manche Profi-Orchester genau identische Instrumente (wenn es auf die Kosten des Instrumentenkaufs nicht ankommt oder wenn ein Hersteller das finanziell unterstützt). Dann hat man aber immer noch mit verschiedenen Mundstücken, Bahnen und Ansatzformen zu tun, weil ja schließlich auch die Zahnstellung und die Mundinnenräume der Spieler nicht identisch sind. Man beobachte nur einmal bei größeren Blasorchestern die unterschiedlichen Winkel, in denen die Klarinettisten ihr Instrument zum Körper halten, manche sitzen vollkommen entspannt still, alles was sich bewegt, sind die Finger und der Bauch; andere schaukeln beim Spielen hin und her, wieder andere vor und zurück, das sogenannte "Rudern".

Insgesamt kommt es wohl viel mehr auf eine einheitliche Vorstellung vom Klang an; und auf regelmäßiges gemeinsames Üben mit entsprechender Anleitung. Es ist deshalb zumindest im Amateurbereich überhaupt kein Problem, verschiedene Instrument-Typen zu mischen.




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