Instrument: Klappen

Klarinette, Blockflöte

Funktion der Klappen


Wenn man eine moderne Klarinette mit einer Blockflöte vergleicht, fällt (neben der Größe und der Farbe des Holzes) als erster Unterschied das Klappensystem der Klarinette auf.

Die Klappen der Klarinette sollen die gleiche Funktion übernehmen, die die Finger bei der Blockflöte haben: Tonlöcher zu schließen und zu öffnen.

Bei den kleinen Klarinetten, der Es-Klarinette und der B-Klarinette ist es möglich, dies auch tatsächlich völlig mit den Fingerkuppen zu machen, zumindest bei den Tonlöchern im oberen Register. Weiter unten und bei größeren Löchern geht es dann nicht mehr. Darüber hinaus können auch die oberen Löcher, wenn sie mit den Fingerkuppen geschlossen werden sollen, nur an bestimmten Stellen liegen, und nicht immer an den theoretisch optimalen. Hier helfen die Klappen.

Offene und geschlossene Klappen

Wenn man die Klarinette betrachtet, stellt man fest, dass es offene und geschlossene Klappen gibt, also solche, die man durch Drücken schließt, und solche, die man durch Drücken öffnet. Die offenen Klappen entsprechen voll den Löchern der Blockflöte, die man mit den Fingern verschließen würde. Aber warum gibt es geschlossene Klappen - warum gehen Klappen auf, wenn man sie drückt?

Diese geschlossenen Klappen öffnen in erster Linie Tonlöcher für die Halbtonschritte - am Klavier wären das die "schwarzen Tasten". Auf der Blockflöte behilft man sich mit Gabelgriffen - man schließt zum Beispiel die obersten drei Tonlöcher, läßt das vierte offen und schließt das fünfte. Akustisch gibt das in etwa ein "viereinhalb" - natürlich nicht optimal im Klang. Die Halbtonklappe geht an der richtigen Stelle (also wirklich bei "viereinhalb" auf - das klingt gleich deutlich besser.

Bestimmte geschlossene Klappen sind auch als Alternative zu Tonlöchern (bei Trillern) und zur Korrektur von Tönen gedacht und öffnen sich teilweise automatisch mit, wenn andere Klappen gedrückt werden.

Voraussetzungen für die Funktion

Die Klappen der Klarinette müssen dafür sorgen, dass

  • die Klarinette komplett dicht ist: Im geschlossenen Zustand darf eine Klappe keinerlei Luft mehr durch die Tonlöcher strömen lassen
  • es im offenen Zustand der Klappe möglichst keinen Widerstand für den Luftstrom mehr gibt; das erreicht man durch einen großen Lochdurchmesser und eine Öffnungshöhe der Klappe von mindestens einem Drittel des Bohrungsdurchmessers (wenn die unterste gerade offene Klappe nicht weit genug auf geht, klingt der Ton nicht gut oder wird sogar tiefer)
  • der Schließ- und Öffnen-Vorgang sehr schnell gehen kann - das ist besonders kritisch bei den Klappen, die durch eine Feder geschlossen werden. Hier muss die Federkraft stark genug sein, und es darf möglichst keine Reibung im Lager der Klappe geben

Entwicklung der Klappen

historische Klappe mit Filzpolster
Frühe Klappe mit Filzpolster

Die ersten Klappen waren nur eine einfache Verlängerung der entsprechenden Finger - man brachte an einem Hebel ein Filzpolster an. Das war natürlich auch nur im feuchten Zustand halbwegs dicht. Mit der Erfindung der Löffel-Klappe durch Iwan Müller in Verbindung mit dem versenkten Tonloch konnte man endlich auch große Löcher dicht schließen.

Die zweite wesentliche Verbesserung war die Ringklappe durch H. Klosé. Ein Ring ist eine Klappe mit Öffnung - sieht man gut auf dem Foto direkt neben dem Zeigefinger. Damit kann man auch Tonlöcher sicher schliessen, die eigentlich schon an der richtigen Stelle liegen, nur aus akustischen Gründen eigentlich größer gebohrt werden mussten, als für normale Finger möglich.

verschiedene Klappen an einer Klarinette



Das Klappensystem der modernen Klarinette ist eine sinnreiche, über Jahrhunderte immer weiter verbesserte mechanische Meisterleistung. Mit ihm lassen sich tatsächlich fast lautlos und schnell alle Tonlöcher öffnen und schließen, egal, wo sie sich befinden.

Im Laufe der Zeit ermöglichten dann spezielle Verbindungen zwischen Klappen auch Triller und Sprünge, die sonst nur mühevoll oder überhaupt nicht möglich gewesen wären. Die Klappentechnik passte sich aber auch der Gewohnheit an: Zum Beispiel greift man zwar noch Gabel-Griffe, aber die Klappenmechanik setzt das in ein akustisch besseres Ergebnis um.

Unterschiede deutsch / Boehm-System

Bild: Klappensysteme
Deutsch / Boehm

Das deutsche System und das französische (in der gesamten restlichen Welt verbreitete) Boehm-System unterscheiden sich nicht nur in der Bahn, der Bohrung und im Klang, sondern auch in der Griffweise erheblich. Man erkennt ein Boehm-System sofort daran, dass es statt der "Rollen" an den langen Klappen einfache Hebel hat. Darüber hinaus sind bei preiswerteren deutschen Modellen die langen Heber-Klappen anfällig gegen Risse und Bruch, bei der Dreh-Mechanik der Boehm-Klappen kommt das seltener vor.

Die unterschiedlichen Griffe haben für deutsche Klarinettisten zumindest einen gravierenden Nachteil: Man kann nicht einfach auf die bedeutend preiswerteren französischen oder japanischen Modelle (gleiche Qualität etwa zum halben Preis) umsteigen, weil man dann die Technik neu lernen müsste. Beide Systeme haben mit den Griffen ihre Vor- und Nachteile.

Die Boehmgriffe vermeiden das "Rutschen" zwischen Klappen insbesondere mit dem kleinen Finger, die deutschen haben hier besagte Rollen angebracht. Einzelne Bindungen sind jeweils mit dem anderen System besser zu schaffen. Insgesamt sind sie beide ziemlich ausgereift.

Abb.: - Klappensysteme heute: links deutsch, rechts Boehm

Materialien

Das Klappensystem besteht in der Regel aus Neusilbergussteilen. Neusilber ist eine Kupferlegierung. Bei Drehklappen sind die Neusilberteile mit Stahlröhrchen verlötet. Richtig teure Instrumente haben geschmiedete Klappen, die weniger bruchanfällig sind als gegossene Teile. Man unterscheidet dann auch noch zwischen fallgeschmiedet (ein großes Gewicht fällt auf das Metall und presst es in Form) und handgeschmiedet (der Schmied arbeitet an einem Metallstück mit Hammer und Amboss) - klar, dass handgeschmiedet am besten und teuersten ist.

Grundsätzlich lassen sich die eingesetzten Metalle alle recht einfach mit Silberlot löten. In der Regel werden die Metallteile im Galvanisierbad dünn versilbert, vernickelt oder vergoldet. Dabei gilt:

  •   Silber läuft schnell an, vor allem in Kontakt mit Schweiß - das muss man putzen
  •   Nickel läuft nicht an, ist haltbar, gleitet gut, kann aber Allergien auslösen (das ist sogar sehr häufig!)
  •   Gold läuft nicht an, ist aber teuer und sieht ungewöhnlich aus

Polster

Die Polster für Klarinetten sind in der Regel aus Leder, Filz und Pappe, manchmal aus Silikon, teilweise auch aus Kork und neuerdings auch noch aus ganz anderen Materialien.

Lederpolster haben sich durchgesetzt und sind immer noch der häufigste Typ. Hier wird auf eine Papp-Scheibe (im Bild grau) eine gleich große Scheibe aus Filz (im Bild weiß) geklebt, und dann ein weiches Leder oder Fischhaut darüber gezogen (im Bild gelb, tatsächlich ist auch das Leder meist weiß) und auf der Rückseite der Pappe verklebt.

Schnitt durch Lederpolster: Aussen Leder (hier gelb, normalerweise auch weiss), darunter Filz, darunter Pappe
Lederpolster
(aufgeschnitten)

Diese Polster kann man selbst in weniger gut sortierten Läden für Musikinstrumente in allen Größen kaufen. Sie halten recht lange, sind dicht, weitgehend geräuschlos und passen sich dem Tonloch an. Im feuchten Zustand schließen sie nach mehrfachem kräftigen Drücken auch dann, wenn sich die Klappe leicht verbogen hat. Allerdings wird das Leder, vor allem bei Klappen, die oft feucht werden (weiter oben am Instrument), irgendwann hart, spröde und muss dann gewechselt werden. Die Lederpolster sind meist mit Siegellack in die passenden Klappen-Löffel geklebt - heute nimmt man auch oft Heißkleber. Wie man das selbst macht, ist unter Wartung / Erste Hilfe beschrieben.

Silikonpolster sind eine neuere Lösung. Sie haben etliche Vorteile: Sie lassen sich in jeder Form herstellen, sie verändern sich dann nie mehr, und sie schließen lautlos. Das Silikonpolster muss nie ausgetauscht werden, denn es ist nicht anfällig gegen Feuchtigkeit und Druck. Das ist aber auch ein Nachteil: Verbiegt sich eine Klappe nur ein klein wenig, würde sich das Lederpolster an das Tonloch wieder anpassen und nach kurzer Zeit schließen, das Silikonpolster schließt aber nur noch bei starkem Druck. Manche Musiker meinen auch, dass sie den Klang negativ beeinflussen. Objektive Messungen sagen das Gegenteil, die Diskussion ist noch nicht zu ende.

Korkpolster werden vor allem bei den tiefen Klarinetten für Überblasklappen eingesetzt - sie schließen kleine Tonlöcher, die in Form von Röhrchen in die Klarinette eingelassen sind. Hier würde sich auch ein Silikonpolster anbieten. In amerikanischen Klarinetten für den Band-Einsatz findet man manchmal auch spezielle Korkpolster, die aber immer mehr durch Silikon verdrängt werden.

Eine Neuentwicklung sind sogenannte Quarz-Resonanzpolster - sie sollen von den akustischen Eigenschaften her den Lederpolstern überlegen sein und gleichzeitig wesentlich länger halten. Der Hersteller gibt fünf (!) Jahre Garantie. Sie setzen aber präzise gearbeitete Klappen und Tonlöcher voraus und müssen - ebenso wie Silikonpolster - sehr genau eingepasst werden. Daneben sind sie - ebenso wie Silikonpolster - anfällig gegen das Verbiegen von Klappen sein. Es bleibt abzuwarten, ob sie sich durchsetzen werden.

Federn

Alle Klarinettenklappen haben Federn, wobei man einmal unterscheidet zwischen solchen, die die Klappe offen halten (dann drückt man sie mit dem Finger zu, und sie geht von selbst wieder auf) und solchen, die die Klappe schließen (dann muss man sie mit dem Finger öffnen).

Technisch sind Federn im Wesentlichen in zwei Arten ausgeführt. Beide Arten funktionieren sehr gut, sind robust und lassen sich ohne Spezialwerkzeug in ihrer Federwirkung beeinflussen. Biegt man nämlich die Federn stärker in ihre Druckrichtung, verstärkt sich die Wirkung, biegt man sie gerader, schwächt sich die Wirkung ab.

Nadelfeder
Drehklappe mit Nadelfeder

Die Nadelfeder wird in erster Linie bei drehenden Klappen verwendet; hier ist eine Stahlnadel am Instrument (meist am Lager für die Drehklappe) befestigt, die in einen Haken an der drehenden Achse fasst und die Achse in eine Richtung drückt.

Moderne Klappe mit Feder, Polster
Kippklappe mit Blattfeder

Die Blattfeder wird in erster Linie bei "kippenden" Klappen eingesetzt wird (vor allem, um Klappen aufzuhalten), ist ein Stück flacher Federstahl, der an der Klappe angeschraubt wird. Das andere Ende drückt gegen das Instrument.

Auswirkung der Klappe auf die Akustik

Idealerweise würde die Klappe, wenn sie offen ist, überhaupt nicht mehr da sein, also den Luftstrom überhaupt nicht mehr behindern. Theoretisch wäre es sogar ideal, wenn die Klarinette dann am oberen Rand der Klappe endete (sie quasi hier abgesägt wäre). So wie es jetzt ist, hat die Klappe aber noch einen ziemlichen Einfluss auf die Luftströmung, auch über dem Tonloch bei voller Öffnung. Man öffne nur mal eine Ringklappe und schwinge den Finger dabei über dem Tonloch schnell ein paar Millimeter auf und ab. Dann stellt man fest, dass auch noch mehr als einen Zentimeter weg vom Tonloch der Finger einen Einfluss auf die Tonhöhe hat. Das gilt natürlich auch für die Klappe. Die Einstellung der "voll geöffnet"-Position der Klappe hat ziemlichen Einfluss auf die korrekte Stimmung des Instruments. Das hat der Instrumentenbauer aus Erfahrung natürlich berücksichtigt. Die Tonlöcher sind immer eine Spur zu weit oben (also zum Mundstück hin) gebohrt, als sie es ohne Klappen (rechnerisch) sein müssten. Die Position stimmt, wenn man eine Klappe mit Lederpolster annimmt, die im voll geöffneten Zustand etwa einen Abstand über der Tonlochoberfläche hat, der etwa einem Drittel des Lochdurchmessers entspricht.

Ein (theoretisch) ideales Klappensystem

Idealerweise (zumindest theoretisch) würde übrigens die Klappe auch nicht da das Tonloch verschließen, wo sie jetzt sitzt, nämlich außen am Instrument, sondern das Tonloch an der Bohrung im Inneren der Klarinette verschließen, so dass die Bohrung in der Klarinette dann perfekt glatt wäre. So wie es jetzt ist, entstehen eine Menge Wirbel im Luftstrom im Inneren des Instruments. Die Instrumentenbautechnik gibt aber im Moment nichts anderes her - daher bleibt die Betrachtung theoretisch. Jack Brymer hat in seinem Buch einige interessante Überlegungen hierzu angestellt.




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