Instrument: Blatt

Das Blatt: Ein sensibler Schwingungserzeuger

Blatt (Bassklarinette) - Aufsicht
Blatt (Bassklarinette)

Das Blatt und das Mundstück, auf dem es befestigt ist, ergeben zusammen den Schwingungserzeuger der Klarinette. In Kombination sind sie der wichtigste und individuellste Teil einer Klarinette.

Das schwingende Blatt aus Rohrholz (neuerdings auch aus Kunststoffen) ist entscheidend für die Zugehörigkeit zu den Holzblas­instrumenten. Klarinetten haben ein einfaches Rohrblatt, genau wie Saxophone, und im Gegensatz zum Doppel­rohrblatt bei Oboe und Fagott (Vergleich).

Blätter sind Verbrauchsartikel - leider! Wir Klarinettisten müssen damit leben, dass man ein Blatt erst aufwändig vorbereiten muss, und es dann nur begrenzte Zeit spielen kann. Und von nichts hängt der Klarinettist so ab wie vom Zustand seines Blattes. Dieser Zustand kann sich leider schnell verändern.

Andere Bläser haben es da viel besser: Das Blechblasinstrumenten-Mundstück wird einmal gekauft und hält dann Jahrzehnte. Man nimmt eine Trompete aus dem Koffer, steckt das Mundstück drauf (macht es eventuell noch warm) und ohne große Umstände geht es sofort los!

Material und Herstellung

Blätter sind nicht besonders teuer - um die 2 bis 3 Euro pro Stück, je nach Typ und Instrument. Sie haben aber einen erheblichen Einfluss auf den Klang des Instruments und damit den Spaß am Spielen. Ihre Qualität hängt stark von Material und Herstellung ab.

Nur wenige Klarinettisten sind glücklich mit den Blättern, mit denen sie gerade spielen, und wenn das Instrument quietscht, wird die Schuld gern dem Blatt gegeben - meist ist da auch was dran. Blätter verändern sich beim Spielen oder bei Temperatur- und Wetter­umschwüngen, man schleift daran herum, bekommt sie halbwegs hin, und dann werden sie mit der Zeit immer "leichter" oder "weicher", bis man sie nicht mehr benutzen kann. Sie bekommen im Alter auch mal Risse oder die Spitzen wellen sich. Sie sind eben das sensibelste Teil an einer Klarinette. Da ist es hilfreich, möglichst gut Bescheid zu wissen.

Das natürliche Blatt - Arundo Donax

Bild Arundo Donax
Arundo Donax

Das klassische Blatt wird aus dem Rohr eines Schilfgrases gewonnen, dem Arundo Donax. Es kommt vor allem am Mittelmeer vor und wird dort - vor allem in Südfrankreich - in großem Stil für Instrumentenblätter angebaut. Mittlerweile gibt es solche Farmen auch in Lateinamerika. Die Pflanze ist Bambus recht ähnlich. Das Rohr wächst in einem Jahr zur vollen Größe, immerhin etwa 3 Meter hoch, man lässt es dann noch etwas stehen. Wenn man es nach der Ernte an der Luft in offenen Lagerhallen um die 2 Jahre lagert, wird es etwa so gelb und fast so hart wie Bambus.

Bild: Schnitt durch Blatt unter Mikroskop
Schnitt durch Blatt

Im Inneren ist das Rohrholz aus langen, parallel zueinander liegenden hohlen Blattfasern aufgebaut, die miteinander verklebt sind. Das macht die elastischen Eigenschaften der Pflanze und später des Blattes aus. Wenn das Holz abgelagert wird, trocknet dieser Verbund aus und wird sehr hart. Man kann diese hohlen Fasern gut im Mikroskop erkennen. Das Bild links zeigt den Querschnitt. Am Ausstich eines Blattes sieht man die Enden der einzelnen Fasern schon mit bloßem Auge.

Aus dem Rohr schneidet man (maschinell) rechteckige flache Stücke Holz, für B-Klarinetten etwa 7cm * 1cm * 0,4cm. Bei den anderen Klarinetten wird es entsprechend größer oder kleiner.

Blatt (Bassklarinette) - Seite
Blatt (Bassklarinette) von Seite: zeigt den Ausstich

Das Stück wird an der Unterseite maschinell völlig eben gehobelt und geschliffen. An der Oberseite wird es zu einem Ende hin abgeflacht, so dass es nur noch 0,08 mm dick ist. Die Toleranzen dieser Maschinen liegen typischerweise bei etwa 4/1000 mm. Da das Blatt aber natürlich gewachsen ist, zum Beispiel eine Sonnen- und eine Schattenseite hatte, manchmal auch mehr oder weniger feucht stand, sind keine zwei Blätter gleich, obwohl die Abmessungen identisch sind.

Traditionelle Hobelmaschinen haben auf der einen Seite einen Abtaster, der über eine metallene Blattform als Schablone gleitet, auf der anderen Seite überträgt ein Hobel oder eine Fräse die Form der Schablone auf einen Rohling. Es entstehen genaue Kopien der Vorlage. Wenn man die Vorlage wechselt, kann eine andere Blattform hergestellt werden. Moderne computergesteurte Maschinen (CNC-Maschinen) haben die Vorlage als digitales Modell gespeichert - der Rechner steuert die Bewegung der Fräse. Sie könnten praktisch jede Form erzeugen, die man programmiert, also auch jedes Blatt anders, wenn man möchte. Mit dem Einsatz dieser Maschinen könnte also theoretisch schon heute jeder Klarinettist seine für ihn individuell optimierten Blätter preiswert herstellen lassen. Der Artikel in MZL beschreibt das im Detail. Praktisch scheitert das aber noch an der Menge an möglichen Kombinationen und der Übertragung der Profile (und der Logistik - denn dann muss der Hersteller für jeden Kunden die Packung individuell adressieren).

Je nachdem, welche Kurve der Ausstich, also die gehobelte Abflachung hat - also wie stark das Blatt an den einzelnen Stellen ist - und wie elastisch und hart das Material ist, hat das Blatt bestimmte Klangeigenschaften. Es wird ausprobiert (automatisiert oder von Hand) und dann nach bestimmten Stärken sortiert und verkauft.

Fiberreed, Carbon und ähnliche Entwicklungen

Schon seit langem gibt es Experimente mit verschiedenen Materialien, um die sensiblen Blätter durch zuverlässige, immer gleich bleibende Produkte zu ersetzen, mit immer gleichem Ansprechen und nimmermüdem Klang. Experimente mit Plexiglas und ähnlichen Stoffen schlugen in den sechziger Jahren fehl, weil die Schwingungseigenschaften nicht annähernd dem entsprachen, was man sich erhoffte.

In den letzten Jahren gibt es hier deutliche Fortschritte durch Verbundstoffe; vor allem aus Kohlefasern, die durch Kunstharze verleimt werden (ein Material, aus dem zum Beispiel Flugzeugteile, Surfbrettmasten und Rennradrahmen sind). Diese Verbundstoffe sind schon an sich dem Holz recht ähnlich. Durch die Möglichkeit, hohle Carbonfasern zu verwenden, die von ihrer Struktur her den Holzfasern im Blatt ähneln, hat zum Beispiel Harry Hartmann mit Fiberreed vor einigen Jahren ein bereits ziemlich brauchbares Blatt hergestellt. Ich habe mir damals aus Neugier so ein Blatt für die Bassklarinette gekauft. Für meinen Geschmack sprach es nicht gut im Pianissimo an und war immer noch viel zu glatt an der Oberfläche. Ähnlich wie ein etwas schweres, nicht gut eingespieltes Blatt. Aber es war schon beeindruckend, wie gut es im Vergleich zu anderen Kunststoffblättern war.

Eine Zwischenform sind Plastic-Cover Blätter: hier wird ein traditionelles Blatt mit einer Kunststoffschicht überzogen. Die Idee ist, das Holz durch eine Beschichtung vor der Flüssigkeit zu schützen und es länger haltbar zu machen. Ich habe keine Erfahrung mit dieser Lösung, sie ist in Deutschland auch nicht besonders verbreitet.

Man kann erwarten, dass die modernen Kunststoffblätter sich erst mal im Musikschulbetrieb und der Popmusik (vor allem auf Saxophonen) etablieren, immer bessere Produkte auf den Markt kommen und sie vielleicht irgendwann einmal eine gleichwertige Alternative sind.

Die Rolle des Blatts bei der Tonerzeugung

Das Blatt wird am Mundstück der Klarinette befestigt, so dass nur noch ein ganz schmaler Spalt zwischen Blatt und Mundstück offen bleibt. Umschließt man das Mundstück und das Blatt der Klarinette mit den Lippen und bläst hinein, entsteht ein Ton. Genaugenommen wirkt das Blatt zusammen mit dem Mundstück wie ein Ventil, das sich öffnet und schließt: Die Luft drückt das Blatt gegen die Öffnung des Mundstücks, so dass der Luftstrom unterbrochen wird. Weil das Blatt elastisch ist, schwingt es sofort zurück und gibt die Öffnung wieder frei. Sofort strömt die Luft wieder hinein, das Blatt wird wieder gegen die Öffnung gedrückt und so weiter. Das passiert zwischen hundert bis hin zu ein paar tausend Mal pro Sekunde. Es entsteht eine gepulste Luftsäule in der Klarinette. Deren Schwingung hören wir als Töne.

Detaillierter ist das hier beschrieben.

Physische Anforderungen an Blätter

Blatt im Gegenlicht
Blatt im Gegenlicht

Damit das Blatt die schnellen Schwingungen gut mitmacht, muss es am vorderen Ende extrem dünn sein, typisch sind 0,08 mm. Dabei muss es aber auch ausreichend fest und elastisch sein, auf beiden Seiten praktisch völlig gleiche Schwingungs­eigenschaften haben und sich unter den extremen Bedingungen des Schwingens auch nicht verändern. Man bedenke, dass es sich um einen Abschnitt Schilfrohr handelt. Sobald das Blatt im Mund ist, wird es ja auch feucht und darüber hinaus auch noch um 30 -36 °Celsius warm. Das sind keine guten Bedingungen für Holz. Wenn man das bedenkt, ist jedes funktionierende Blatt ein kleines Wunder.

Die Regionen des Blattes

Regionen des Blattes
Blatt: Regionen

Den gesamten abgehobelten Bereich nennt man Ausstich.
Die Farben zeigen in etwa Bereiche gleicher Stärke (wie bei Höhenlinien).

Die Blattspitze (weiß) ist die dünnste und sensibelste Region, sie ist für hohe Schwingungen und die Ansprache des Blattes verantwortlich.
Den schwarz umrandeten Bereich nennt man Blattherz.

Die Seiten oder Flanken neben dem Herz sind wichtig für die Balance.
Den Bereich unterhalb des Herzens nennt man Schulter,
hier ist das Blatt sehr dick und schwingt praktisch nicht.

Den unbearbeiteten Bereich nennt man Schaft oder Rücken.

Die Sägefläche am unteren Ende nennt man Sohle-Schnitt.

Stärkeklassen (Härte)

Für die Stärke oder Härte werden zwei Begriffspaare benutzt:
schwer beziehungsweise hart, leicht beziehungsweise weich. Im Englischen spricht man von "hard" und "soft". Gemeint ist damit die Ansprachefähigkeit bzw. die Leichtigkeit, mit der ein Blatt schwingt. Verbunden ist mit der leichten Ansprache ein stärkeres Schwingen und mit schwererer Ansprache ein weniger ausgeprägtes Schwingen. Natürlich hat das was mit der Form des Ausstiches, insbesondere mit der Stärke bzw. Dicke des Blattes im vorderen Bereich an der der Spitze und dessen Länge zu tun: Ein ganz dickes "Brett" oder ein Blatt mit einer sehr kurzen Spitze schwingt eben so gut wie gar nicht, und einem ganz dünnen Blatt fehlt die Elastizität; es biegt sich nicht zurück. Irgendwo dazwischen liegt ein brauchbarer Kompromiss.

Je nach Hersteller bekommen die verschiedenen Blattstärken unterschiedliche Bezeichnungen. Typisch sind Zahlen wie 1 - 5, zum Teil in ½ - Schritten, also 1, 1½, 2, 2½ und so weiter bis 5. Dabei ist 1 am leichtesten und 5 am schwersten. Bei einem normalen Mundstück und normaler Übung wird ein klassischer Klarinettist in der Regel mit 2½ oder 3 spielen.

Die Übergänge der Stärkeklassen sind fließend, und von Blatt zu Blatt gibt es natürliche Schwankungen. Bei industrieller Massenfertigung (wie z.B. bei Vandoren) sind die Unterschiede nur noch gering, das gilt umso mehr bei kleineren Anbietern (wie "sinus" oder Alexander Willscher), wo jedes Blatt vom Hersteller ausprobiert und korrigiert wurde - das steht dann auf der Packung und macht die Blätter natürlich teurer.

Ein ganz neues Blatt erscheint - so lange es noch nicht eingespielt ist - immer etwas schwer. Es wird aber nach einiger Zeit Spielen weicher und behält diesen Zustand lange.

Leichte oder weiche Blätter (kleiner 2)

Anfänger nehmen für den Anfang erst mal etwas leichtere Blätter, 2 oder leichter, weil sie dann leichter einen vernünftigen Ton aus dem Instrument herausbekommen.

Leichte Blätter fangen leicht an zu schwingen und schwingen dann auch stark - sie eignen sich also für sehr leise Töne, und es ist wesentlich weniger anstrengend, lange drauf zu spielen als auf schweren Blättern, bei denen man schnell einen Wangenmuskelkater bekommt. Der Ton ist auch leichter anzupassen - also zu korrigieren, und Glissando geht wesentlich einfacher.

Dafür quietscht ein leichtes Blatt schneller, und weil es stark schwingt, kommt es beim Fortissimo schon vor, dass es beim Abwärtsschwingen auf die Bahnflanken aufschlägt. Das äußert sich in einem eher scharfen, schreienden Ton (die ansonsten runden Sinuswellen sind an einer Seite einfach abgehackt).

Man nimmt man eher leichtere Blätter, wenn man wie folgt spielen möchte:

  • eher leise, vor allem mit leisem Einsetzen
  • in einem kleineren Ensemble, aber nicht wirklich solo
  • schnelle Läufe oder Staccato, Glissando
  • längere Spielzeit - zum Beispiel Bierzeltmucke!
  • wenn Du direkt nach einer mehrwöchigen Urlaubsreise zum ersten Mal wieder in eine lange Probe gehst ;-)

Schwere oder harte Blätter (größer 3)

Auf schweren Blättern einen Ton zu erzeugen ist schwieriger, weil ihr schwingender Bereich dicker ist, damit nicht so biegsam und deshalb nicht so schnell anfängt zu schwingen.

Es fällt vor allem nicht so leicht, leise einzusetzen. Schwere Blätter rauschen verhältnismäßig stark, weil die Spitze sich nur sehr wenig bewegt, und so der Spalt zwischen Blatt und Mundstückbahn immer relativ weit offen bleibt.

Vorteil von schweren Blättern ist aber, dass ein schweres Blatt so gut wie nie beim Schwingen mit der Spitze auf die Bahn aufschlägt. Die Spitze schwerer Blätter tendiert kaum dazu, unkontrolliert zu flattern oder auf einer Seite anders als auf der anderen zu schwingen, was zum Quietschen führen würde. Man kann also mit schweren Blättern gut sehr laut spielen, ohne das der Ton anfängt zu kreischen.

Wenn es um folgendes geht, sollte man eher schwere Blätter nehmen:

  • man muss eher laut spielen
  • man spielt in einem großen Ensemble (da hört man - schon allein wegen der Entfernung Spieler zum Zuhörer - kein Rauschen)
  • es gibt keine schnellen Läufe, Staccato oder schwierige Bindungen
  • insgesamt ist die Spielzeit kurz (deutlich unter einer Stunde, keine endlosen Passagen)

Blätter mittlerer Schwere/Härte (zwischen 2 und 3)

Meistens kommt es aber auf ausgewogene Eigenschaften an, also einen schönen Ton und weite Dynamik, weil man z.B. ein Solo spielt, leise einsetzen muss, es aber nicht quietschen darf: Dann braucht man ein mittleres Blatt.

Grundsätzlich sollte ein Spieler mit mehr Erfahrung versuchen, langsam mit schwereren Blättern (etwa 3 oder 3½) klarzukommen - natürlich gibt es einen Trainingseffekt für Lippen und Wangenmuskeln. Wenn man eine Stunde locker damit klarkommt, ist ein etwas schwereres Blatt auch für einen Amateur vorteilhaft. Man muss es natürlich auch nicht übertreiben und "Bretter" spielen.

Und mit der Zeit werden Blätter beim Spielen weicher und leichter. Typischerweise ist ein sehr altes Blatt eine ganze Stärke leichter als ein gerade eingespieltes. Man muss also regelmäßig immer wieder neue Blätter verwenden - möglichst alle paar Wochen ein neues Blatt einspielen, dann hat man auch immer eine genügende Auswahl verfügbar, wenn mal eins kaputtgeht.

Kauf und Hersteller

Es gibt dutzende von Herstellern, die zum Teil lokal in Deutschland (wie Willscher, Steuer) oder auch international etabliert sind (vanDoren, Rico). Normalerweise werden Blätter in Packungen (zu 5 oder 10) verkauft, im Musikladen manchmal auch einzeln. Je nach Hersteller muss man damit rechnen, dass man bei zehn Blättern in der Schachtel mit 2 bis 5 nicht ohne weiteres zurechtkommt. Natürlich kann man Blätter, auch wenn man sie einzeln im Geschäft kauft, nicht ausprobieren, aber einigen kann man schon von Farbe und Maserung oder Faserverlauf ansehen, dass sie nichts taugen - wenn man einzelne kauft, muss man die ja nicht nehmen. Der Verkäufer ist davon natürlich nicht begeistert, und je nach Sitten vor Ort und Bekanntheitsgrad wird er versuchen, das abzulehnen... Und wenn man eine Packung kauft, geht das natürlich auch nicht. In letzter Zeit kommen Blätter auch in der Packung immer öfter in einer Folie eingeschweisst - ähnlich wie Müsliriegel. Das verhindert natürlich ein völliges Austrocken, aber andererseits sieht man erst bei Öffnen, was man bekommt.

Umgang mit Blättern

Es gibt fast so viele Ansichten zum Umgang mit Blättern wie es Klarinettisten gibt, und oft genug widersprechen sich diese Ansichten auch noch. Zumindest herrscht weitgehend Einigkeit darin, dass man Blätter "einblasen" sollte, also zu Beginn - auf einem neuen Blatt - nicht mehr als 15 Minuten am Stück spielt. Das mag sich merkwürdig anhören, aber die meisten erfahrenen Klarinettisten machen das so.

Ich finde darüberhinaus sehr interessant, was die Oboisten mit ihren Rohren machen - schließlich sind die aus dem gleichen Material, aber deutlich empfindlicher und teurer. Während wir Klarinettisten unsere Blätter meist mit Spucke anfeuchten (Blätter müssen vor dem Spielen zumindest in der Spitze völlig feucht sein, sonst kann man nicht darauf spielen) - tun das die meisten Oboisten mit Leitungswasser. Sie haben dafür auch eine plausible Begründung:

"Blätter bestehen aus Zellulosestruktur. Wie ein Schwamm sind sie porös und absorbieren Wasser. Genau wie ein Schwamm trocken nicht wischt, funktionieren sie nicht, wenn sie trocken sind. Deshalb müssen sie angefeuchtet werden. Dazu sollte man Leitungswasser benutzen, nicht Spucke. Speichel enthält Enzyme, die die Proteine in der Zellulose des Blattes anlösen können. Das führt dazu, dass die Elastizität des Blattes schnell nachlässt. Wenn das Blatt sich erst mit Leitungswasser vollgesogen hat, kann man es in den Mund nehmen, dann dringt nicht mehr so viel Spucke in die Blattstruktur hinein." (Zitiert nach: http://www.doublereeds.com/some_thoughts...)

Natürlich sind Klarinettenblätter nicht so sensibel und viel preisgünstier als Oboenrohre, aber was die Lebensdauer eines Oboenrohrs erhöht, schadet dem Klarinettenblatt sicher nicht. Und der Aufwand ist gering: Oboisten haben immer ein kleines Wasserglas dabei, oder, praktischer, eine Foto-Filmdose. So etwas findet man in Drogerien, wo Fotos abgegeben werden. Die füllt man bei Probe oder Konzert am Waschbecken der Toilette und kann dann seine Blätter überall darin anfeuchten. Und wenn man spielt, macht man die Dose zu, so dass es beim Umkippen kein Malheur gibt!

Lagerung und Transport

Bild: Blätter-Behälter
Blätter-Behälter

Grundsätzlich sollte man seine Blätter schonend behandeln und nach dem Spielen in Blätterkästen aufbewahren, damit sie vor den übelsten Einflüssen geschützt sind und nicht Wellen schlagen (Wellen schlagen heißt: die dünne Spitze trocknet nicht flach, sondern quer gewellt, wie nass gewordene Buchseiten). Die abgebildeten Behälter sind vergleichsweise preiswert, praktisch und haben sich bewährt. Sie sind übrigens ein prima Geschenk für Klarinettisten, die noch immer Blätter in den Pappkartons der Hersteller zwischen Wattestreifen transportieren!

Blätter oder Rohlinge

Die meisten Amateurklarinettisten kaufen Blätter und keine Rohlinge. Blätter kommen spielfertig aus der Packung und sind in Stärken vorsortiert. Rohlinge können grob vorgehobelte Blattabschnitte mit glatter Unterseite und grobem Ausstich sein, an denen man in der Regel noch eine Menge machen muss. Sie kosten dafür wesentlich weniger als Blätter, aber kommen in 100-Stück-Kartons. Der Zeitaufwand und die nötige Erfahrung, sie spielfertig zu machen, ist erheblich. Rohlinge zu kaufen und zu bearbeiten lohnt sich nur, wenn man einen erheblichen Verbrauch hat und das Blätterbauen (eigentlich: das Überarbeiten) ernsthaft betreiben will. Das gilt auch für die Investition in präzise Kopier-Hobel- und -schleifmaschinen, Stärkemessgeräte und die übrige handwerkliche Ausstattungen. Für Oboisten und Fagottisten ist das schon fast normal, aber deren Rohre kosten - wenn man sie fertig kaufen wollte - auch ein Vielfaches gegenüber dem Klarinettenblatt und sie müssen selbst dann meist noch angepasst werden.

Ausprobieren von Blättern

Bevor man ein Blatt ausprobiert, sollte man sicher sein, dass die Klarinette völlig in Ordnung ist, vor allem die Klappen völlig decken und keine Luft irgendwo entweicht, weil sonst Zischen, Quietschen und andere Probleme auftreten können, die nichts mit dem Blatt zu tun haben. Wie man das sicherstellt, steht im Kapitel Wartung.

Wenn man ein Blatt neu aus dem Karton nimmt, ist es meist lange ausgetrocknet. Deshalb sollte man es erst einmal anfeuchten - man hält sie unter den Wasserhahn oder legt sie in ein Glas mit Leitungswasser (Marmeladengläser sind gut, weil man sie zuschrauben kann!). Es braucht etwa 3-5 Minuten, bis die Spitze auch im Inneren feucht ist. Dann sieht man sich die Blattunterseite an: Sie muss jetzt völlig eben sein. Am besten legt man das Blatt dazu auf eine kleine Glas- oder Plexiglasplatte. Die Blattspitze muss jetzt flach aufliegen und darf keine Wellen bilden. Man bindet oder schraubt das Blatt jetzt auf das Instrument und probiert die tiefe Lage und das g'". Beides sollte gut gehen (auch im piano ohne viel Rauschen). Dann mit dem c' prüfen, ob beide Seiten gleichmäßig sind - dazu dreht man die Klarinette im Mund hin und her und hindert so einmal die linke Seite, einmal die rechte Seite des Blattes am Schwingen. Unterschiede sind so leicht zu erkennen. Dann testet man ein paar problematische Bindungen. Klappt alles? Prima! Aber zu Anfang nicht übertreiben und das Blatt immer nur relativ kurz, ein paar Minuten, spielen, dann weglegen: Viele Experten sind davon überzeugt, dass man ein Blatt "einspielen" muss.

Die meisten Klarinettisten machen sich, nachdem sie sich sicher sind, wie das Blatt ist, Notizen auf dem Blatt. Ein wischfester Folienschreiber schreibt gut auf dem nicht gehobelten Blattrücken, wo man das Blatt auch nicht verletzt - und dieses Stelle sieht man auch im Blätterkasten.

Bearbeiten von Blättern

Wie man Blätter bearbeitet (leichter machen, schwerer machen, Seiten ausgleichen, Quietscher bekämpfen) ist in einem eigenen Kapitel beschrieben: Bearbeiten von Blättern




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